Viele von uns wundern sich darüber, dass anscheinend permanent so viele falsche Personalentscheidungen getroffen werden. Ungeeignete oder schlechtere Kandidaten werden bevorzugt. Wie kommt das? Darüber hat der US-amerikanische Soziologe William J. Goode geforscht:
William J. Goode: The Protection of the Inept. American Sociological Review 32 (1967).
Jürgen Kaube berichtet darüber in der FAS (4.5.14).
„Zunächst zum Schutz für die Ungeeigneten. Er wird vor allem durch die milde Wahl von Leistungskriterien gewährt. In jedem Arbeitszusammenhang werden Erwartungen so formuliert, dass sie jedes Mitglied der Gruppe erfüllen kann. Je höherrangig die Bettreffenden sind, desto genauer wird darauf geachtet, dass sich individuelle Leistungen gar nicht berechnen lassen. Der Arbeitsbegriff wird beispielsweise ausgedehnt, so dass Essengehen als Netzwerkarbeit und Immer-dasselbe-Sagen als Öffentlichkeitsarbeit verbucht werden kann.“
Andere Schutzmechanismen zeigen sich dort, wo für Ungeeignete andere Stellen gesucht werden: im EU-Parlament, in entfernten Filialen, in Aufsichtsräten.
„Was die Ungeeigneten schützt, ist also vor allem die Unterdrückung von Wettbewerb. Das gilt für Firmen, wenn sie Kartelle bilden, das gilt aber auch innerhalb von Organisationen. Dort gibt es gewissermaßen Wertkartelle, wenn die Älteren beschließen, dass man schon ein gewisses Alter haben muss, um bestimmte Positionen verantwortungsvoll ausüben zu können. Leistung, heißt es dann, ist schließlich nicht alles. …
Man verlangt die Erfüllung (von Normen) vorzugsweise von anderen und von anderen Gruppen. Oder man pflegt diese Norm, zugleich aber andere, die sie ausstechen. Jerome Karabel hat gezeigt, dass amerikanische Spitzenuniversitäten einst auf die überlegene Leistungsfähigkeit jüdischer Studienplatzbewerber mit der Einführung von nicht-messbaren Charakter-Kriterien antworteten.
Vor allem wenn die Leistungen einer Organisation stark nachgefragt sind, muss sie oft mehr Personal einstellen, als es an Leistungsfähigen gibt. Die Stellen wachsen dann schneller als die Fähigkeiten. Mitunter ist man sogar froh, Ungeeignete auf Stellen bringen zu können, wenn nämlich gar nicht erwünscht ist, dass die Leistung erbracht wird. Der Soziologe Diego Gambetta hat so die mafiose Personalpolitik erklärt: Man hat an der Spitze von Organisationen lieber eine willige Flasche ohne alternative Aussichten als einen Leistungsträger, von dessen Leistungsbereitschaft alle abhängig werden. Auch die mittleren Begabungen benötigen und schützen darum die völlig Ungeeigneten, weil diese die Durchschnittserwartungen senken.
Insgesamt ist der Schutz von Ungeeigneten um so schwerer, je leichter Leistung gemessen und Talent erkannt werden kann: im Sport, aber auch im Tanz oder der Musik. Es waren, merkt Goode an, nicht zufällig solche Gesellschaftsbereiche, in denen sich in den Vereinigten Staaten die weiße Kartellbildung gegen Schwarze zuerst auflöste.
Und der Schutz der Gesellschaft vor den Ungeeigneten? Goode meint, ihre Leistungsfähigkeit beruhe weniger darauf, dass sie die Besten an die geeigneten Positionen bringt, als vielmehr auf
Arbeitsteilung
und
Bürokratisierung.
Denn die schaffen sehr viele Positionen, auf denen man auch bei mangelnder Eignung nur überschaubaren Schaden anrichten kann.“