Eugen Ruge hat für „In Zeiten abnehmenden Lichts“ 2011 den Deutschen Buchpreis gewonnen, einer Schilderung vom Ende der DDR. 2019 erschien mit „Metropol“ eine Abrechnung mit dem Stalinismus. Zwei großartige Bücher, die von der Kenntnis des Autors in hohem Maße zeugen. Mich haben sie begeistert. Da erstaunt es schon, dass der gleiche Autor in der SZ (9.2.22) eine Würdigung der Friedensbewegung erscheinen lässt, die in keiner Weise dem Thema gerecht wird. Aber das liegt vielleicht auch an den Idealisierungen dieser politischen Bewegung, bei der nicht mehr klar ist, dass sie in der alten BRD weithin von Stasi-Agenten gesteuert wurde.
Möglicherweise will Ruge aber „nur“ eine Verurteilung Wolf Biermanns (der 1976 nicht mehr in die DDR gelassen wurde) und Joschka Fischers, der sich 1999 im Kosovokrieg dafür eingesetzt hatte, dass Militär zur Überwindung serbischer Aggressoren eingesetzt werden konnte. Biermann hatte im Goldkrieg von 1991 tatsächlich geschrieben: „Damit wir uns richtig missverstehen, ich bin für diesen Krieg.“ Ihm ging es um den Schutz Israels. Anscheinend darf man das in gewissen Kreisen heute gar nicht mehr. Joschka Fischer war nach seiner klugen Entscheidung bei den Linken und ewigen Pazifisten (etwa bei den Grünen) untendurch. Die wandten sich endgültig von ihm ab. Hoffentlich fällt das Annalena Baerbock, der gegenwärtigen deutschen Außenministerin, nicht auf die Füße. Oder der ganzen Ampelkoalition.
Ruge bezieht sich bei seiner letztlich beschönigenden Schilderung der Friedensbewegung natürlich – und zu Recht – auf Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (Liebknecht war der einzige Reichstagsabgeordnete, der gegen die Kriegskredite stimmte). Die wurden dafür 1919 von der Reichswehr brutal ermordet. Unter dem Kommando des Hauptmanns (im Generalstab) Waldemar Pabst vom Eden-Hotel in Berlin aus. Das ist wahr und eine Schande für die Reichswehr. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Und es richtig, wie es die Linke heute tut, jedes Jahr an deren Ermordung zu erinnern.
Was Liebknechts und Luxemburgs Genossen dann aber in Russland (und nach 1945 in Europa) machten, ist eine eigene Geschichte. Bei Lenins Tod 1924, der auch schon ein großer Gewalttäter gewesen war, übernahm Stalin die Macht in der Sowjetunion. Er begann sogleich mit der Verfolgung und Ermordung von „Abweichlern“. Mit der „Ausrottung“ der Kulaken. In den dreißiger Jahren wurden in der Ukraine drei bis sieben Millionen Unzuverlässige ermordet (Holodomor). In der „großen Säuberung“ (Tschistka) 1936-1938 wurden täglich ca. 1.000 Menschen ermordet, darunter die Führungselite der Roten Armee, wofür die Sowjetunion dann im Zweiten Weltkrieg bezahlen musste. 1939 gab es dann den Hitler-Stalin-Pakt, wo Polen unter Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt wurde. Was die Polen vernünftigerweise bis heute nicht vergessen haben.
Nach 1945 ging es im gleichen Sinne weiter. 17. Juni 1953 in der DDR. Gewalttätioge Beendigung der Aufstände in Polen und Ungarn 1956. 1968 die gewalttätige Niederschlagung des „Prager Frühlings“. 1979 der Überfall der Sowjetunion auf Afghanistan. Bis zum Ende der Sowjetunion 1991 hat sich dieser Staat trotz Gorbatschows nicht wirklich geändert. Und so ist das Märchen vom „ständigen Vorrücken der Nato“ nach Osten in der Welt. Tatsächlich handelte es sich darum, dass die vielen von der Sowjetunion unterdrückten Staaten, sich von der sowjetischen Repression befreiten (Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Kroatine, Slowenien). Und es sollten noch alle Staaten aus dem ehemaligen Jogoslawien dazukommen. Das hat Eugen Ruge nicht berücksichtigt.