Vor zwölf Jahren wurde der massenhafte sexuelle Missbrauch in der evangelischen Kirche bekannt. Die EKD hatte sich 2018 auf der Synode in Würzburg einen Elf-Punkte-Plan gegen sexualisierte Gewalt gegeben. Der Sprecher des Beauftragtenrats der EKD, Bischof Christoph Meyns (Braunschweig), sagte jetzt: „Ich bin zutiefst bestürzt darüber, dass in meiner Kirche so etwas möglich war und ist. Ich bin zutiefst betroffen über das Unrecht, das Menschen entgegen allem, wofür wir stehen, im Kontext von Kirche und Diakonie angetan wurde.“
Inzwischen gibt es Meldestellen in den Landeskirchen, eine zentrale Anlaufstelle bei der EKD, Anerkennungskommissionen und Anerkennungszahlungen. Betroffene kritisieren allerdings, es sei bisher viel zu wenig geschehen. „Eine gründliche Aufarbeitung muss passieren, sonst bleibt alles nur hohles Geklingel.“ Mit dem
Märchen vom Einzelfall.
Nach der Meinung Betroffener kann sich die Kirche nicht selbst aufarbeiten, sondern bedarf der unabhängigen Hilfe von außen.
Den Betroffenenbeirat gibt es nach inneren Querelen nicht mehr, er war praktisch gespalten. Das ehemalige Beiratsmitglied Katharina Kracht über Bischof Meyns: „Ich erlebe immer wieder, dass er über das Leid und den Schmerz redet. Aber dass es eine Verantwortung seiner Organisation gibt, das ist bei ihm nicht angekommen.“ Kerstin Claus, Mitglied im Betroffenenrat des Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, fordert die EKD auf,
Vernetzung der Betroffenen
zu ermöglichen. „Bis heute wird – wenn Täternamen bekannt werden – in Gemeinden nicht aktiv nachgeforscht, ob der Täter vielleicht auch woanders auffällig wurde.“ Bischof Meyns hat inzwischen eine Verschärfung der kirchlichen Disziplinarmaßnahmen in Fällen von sexueller Gewalt gefordert. (Annette Zoch, SZ 9.11.21)