3407: Theodor Lessing: Der jüdische Selbsthass

Theodor Lessing (1872-1933) war Hannoveraner. Er wurde eines der ersten Opfer von Nazimördern. Zu seinen Jugendfreunden hatte Ludwig Klages gehört. Er hatte Medizin und Philosophie studiert und in München in Philosophie promoviert. Dann arbeitete er als Aushilfslehrer und von 1906 bis 1907 als Theaterkritiker bei der „Göttinger Presse“.

Nach seiner Rückkehr nach Hannover griff er den Kritiker Samuel Lublinski in einer Satire an. Thomas Mann verteidigte Lublinski, der als einer der ersten das Format der „Buddenbrooks“ erkannt hatte. Mann publizierte unter dem Titel „Der Doktor Lessing“ eine Polemik. Lessing wurde zum Begründer der Volkshochschule in Hannover, später Philosophieprofessor. Durch seine Schriften über den Massenmörder Fritz Haarmann (der ein Polizeispitzel war) und den späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg („hinter einem Zero verbirgt sich immer ein künftiger Nero“) machte er sich in Hannover unbeliebt. Studenten der Technischen Hochschule Hannover störten Lessings Vorlesungen mit Gewalt und trieben antisemitische Hetze. Sie vertrieben den Philosophen aus Hannover, ein Schandfleck der deutschen Geistesgeschichte.

Aus seinen Publikationen ragen drei heraus:

„Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“ (1908),

„Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ (1919) und

„Der jüdische Selbsthass“ (1930).

In dieser letzten Schrift ist enthalten die Geschichte von Maximilian Harden (Felix Ernst Witkowsky) (1861-1927). Er wurde in Berlin als Jude geboren und konvertierte 1878 zum Protestantismus. Der Zwölfjährige musste auf Druck seines Vaters das

Französische Gymnasium

verlassen. Er wurde Schauspieler und arbeitete für renommierte Zeitungen als Theaterkritiker. 1892 gründete Harden die Zeitschrift

„Die Zukunft“ (bis 1922),

in der er sich, geprägt von Elitenbewusstsein, scharf zu politischen und künstlerischen Fragen äußerte. In seiner Zeitschrift bekam aber auch die Sexualreformerin Helene Stöcker eine Plattform. Ab 1906 griff Maximilian Harden scharf das homosexuelle Milieu im persönlichen Regiment des Kaisers an (Philipp Eulenburg), es kam zu mehreren Prozessen. Deswegen rechnete sein einstiger Verehrer Karl Kraus aus Wien in seiner Schrift „Maximilian Harden. Eine Erledigung“ mit Harden ab.

Den Ersten Weltkrieg gegenüber wurde Maximilian Harden immer kritischer. Er war von der Kriegssschuld Deutschlands überzeugt. Am Ende des Krieges bezog er sozialistische Positionen. Wenige Tage nach dem Mordanschlag auf seinen früheren Freund Walther Rathenau verübten Freikorps-Männer am 3. Juli 1923 vor seinem Haus im Grunewald einen Mordanschlag auf Harden. Er überlebte schwer am Kopf verletzt. Kurt Tucholsky kritisierte in der „Weltbühne“ die Behandlung der Attentäter durch die deutsche Justiz.

Die Verteidiger der Attentäter sind „deutschnationale Juden, die deutscher sein wollen als Deutsche. Der Vorsitzende des Gerichts ist ein zum Christentum konvertierter Sohn eines Rabbiners. Diese Juden, die keine sein wollen, urteilen nun über den antisemitisch motivierten Mordversuch an einem Juden, der keiner sein will. Und kommen zu dem grausam deutschen Schluss, dass der jüdische Journalist durch seine Artikel selbst schuld war, dass gute Deutsche ihn umbringen wollten.“

In Wien wurden die Täter als „gedungene Meuchelmörder“ verurteilt. Maximilian Harden emigierte in die Schweiz, wo er 1927 starb, ohne die „Die Zukunft“ weitergeführt zu haben. Theodor Lessing wurde im August 1933 in Marienbad/Tschechoslowakei von drei Nazis erschossen.

(Johanna Adorjan, SZ 11.5.21)

Comments are closed.