Vor 250 Jahren wurde Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) in Stuttgart geboren. Das Oberhaupt des „deutschen Idealismus“ hat die Philosophie odentlich umgekrempelt und ist heute noch wichtig, obwohl er Thesen verfochten hat, die sich im Laufe der Zeit als fürchterlich erwiesen haben (z.B. Stalinismus). Und das nicht wegen seines ausgeprägten schwäbischen Dialekts und seiner vielen „Schwabismen“. Hegel favorisierte die Dialektik (These, Antithese, Synthese). Er proklamierte: „Was vernünftig ist, wird wirklich, und was wirklich ist, wird vernünftig.“ Wer das angesichts der Zustände in der Welt heute noch gelten lassen wollte, müsste sehr mutig sein. Zur Geschichtsphilosophie sagte Hegel, „dass die Vernunft die Welt beherrscht, dass es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen ist“ (Ronald Düker, Die Zeit 6.8.20). Überhaupt scheint sein Verhältnis zur Realität äußerst eigenwillig gewesen zu sein. So wird die Anekdote kolportiert, dass Hegel, nachdem er einmal von einem Studenten korrigiert worden war, ausgerufen haben soll: „Um so schlimmer für die Wirklichkeit.“
Hegels Denken enthält ein umfassendes System der Philosophie, eine Wissenschaft, „die alle Aspekte der Wirklichkeit vereinen und einem Vernunftganzen unterstellen soll. Ein Denken, in dem der Zufall keinen Platz hat“. Die politisch Handelnden sind darin die „Geschäftsträger des Weltgeists“. Die Legende behauptet, dass Hegel 1806 in Jena Napoleon begegnet sein soll: „Den Kaiser – diese Weltseele – sah ich durch die Stadt zum Rekogniszieren hinausreiten; – es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“ Können wir heute noch an einen „Weltgeist zu Pferde“, einen Endzweck glauben? An die Verwirklichung von Vernunft und Freiheit?
Ist es – mit Thomas Assheuer (Die Zeit 6.8.20) zu sagen – nicht vor allem das Negative, das den Weltgeist nach vorn in die Zukunft peitscht, sein Lebenselixier sind Gewalt und Zerstörung, es sind blutige Schlachten und große historische Feindschaften, die ganze mörderische Rivalität der Völker und Nationen.
Hegels Einstellung mit der Weltgeschichte als Weltgericht war für seine philosophischen Zeitgenossen Arthur Schopenhauer (1788-1860) und Sören Kierkegaard (1813-1855) ein Skandal. Hegel gehe über Leichen. Der Einzelne sei für ihn bloß Material zur Selbstverwirklichung des Weltgeists. Noch schärfer verurteilte ihn Friedrich Nietzsche (1844-1900).
Aber Georg Wilhelm Friedrich Hegel hatte – und das ist bis heute so – zahlreiche Anhänger. Sie werden gerne eingeteilt in Rechts- und Linkshegelianer. Zu ersteren gehören etwa Eduard Gans (1798-1839), Adolf Lasson (1832-1917) und Karl Larenz (1903-1993). Die alles überragende Figur der Linkshegelianer ist Karl Marx (1818-1883). Dessen Anhänger, welche die klassenlose Gesellschaft anstrebten und anstreben, haben in großem Umfang repressive und mörderische Systeme wie etwa die UdSSR errichtet (Josef Stalin 1878-1953). Andererseits war Marx die Galionsfigur der 68er-Bewegung, die, vielleicht zum Glück, nie einfach die Macht erringen konnte, sondern den Marsch durch die Institutionen antreten musste.
Hegels ernsthafteste Kritiker im 20. Jahrhundert waren die Philosophen Karl R. Popper (1902-1994) und Michel Foucault (1926-1984), aus ganz unterschiedlichen Gründen. Popper sah in Hegel den zynischen Wegbereiter des Totalitarismus („Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ 1946). Foucault hielt Hegels Erzählung vom Weltgeiste für eine Lüge. Für ihn stand fest, dass „unsere gesamte Epoche“ danach trachte, „Hegel zu entkommen, sei es mit Marx oder mit Nietzsche“.
Für Thomas Assheuer steht fest, dass für Hegel Donald Trump zum oberen „Pöbel“ gehörte, der „Kehrseite“ des unteren „Pöbels“. Er meint damit die Reichen, deren Verhalten zum „Verlust des Gefühls des Rechts, der Rechtlichkeit und Ehre“ führt und das Gewebe der Sittlichkeit zerreisst. Assheuers Meinung nach sind Freiheit und Demokratie auf der Welt in die Defensive geraten und ihre Ausbreitung vegetiert „in chinesischen Umerziehungslagern, in iranischen, syrischen, türkischen, ägyptischen, russischen Gefängnissen dahin. Sie wird bedroht beziehungsweise abgeschafft in Ungarn und Polen, sie wird niedergeknüppelt in Minsk, Hongkong, Beirut oder Tunis, in Brasilien, Venezuela, Kolumbien, Nicaragua oder im neoliberalen Vorzeigeland Chile“.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel hatte mit seinem totalitären Optimismus wohl doch nicht recht.