Die „Literarische Welt“ (1.8.20) gibt Schriftstellern und Wissenschaftlern Gelegenheit uns mitzuteilen, was sie gerade lesen. Joseph Vogl schreibt:
„Ein Roman, nicht noch einmal gelesen, aber stets mitgedacht in diesen Monaten:
Philip Roth ‚Nemesis‘,
erschienen 2010. Es ist ein strahlender Hochsommer in Newark, New Jersey, im Jahr 1944. Aus dem wolkenlosen Himmel bricht eine Polio-Epidemie herein und verbündet sich mit der sommerlichen Gluthitze. Und gerade weil die Schuld an dieser Katastrophe niemanden treffen kann, zerstört sie jedes moralische Maß und wächst ins Mythische an. Am Ende wird dem standhaften und gebrochenen jungen Helden des Romans weder göttliche Gerechtigkeit noch ein tragisches Geschick zuteil, sondern allenfalls ein grenzenloses Erbarmen.“
Joseph Vogl ist Ordinarius für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität Berlin.