4422: Der Berliner Antisemitismusstreit

58 Jahre nach seinem ersten Erscheinen ist jetzt im Jüdischen Verlag, der zu Suhrkamp gehört, Walter Boehlichs zentraler Band:

Der Berliner Antisemitismusstreit. Neu herausgegeben und eingeleitet von Nicolas Berg. Berlin 2023, 544 S., 28 Euro

wieder publiziert worden. 1879 hatte der Berliner Historiker Heinrich von Treitschke einen Aufsatz veröffentlicht unter dem Titel „Unsere Aussichten“. Er lief auf einen einzigen Satz hinaus: „Die Juden sind unser Unglück!“. Dieser Satz wurde später regelmäßig von Julius Streichers „Stürmer“ zitiert. „Was wir von unseren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: Sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen.“ Zu dem Thema hatte der Hofprediger Adolf Stoecker schon dauernd von der „Nothwehr gegen die Juden“ gepredigt.

Treitschke: Es dringe „über unsere Ostgrenze Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen  Wiege eine Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen.“ Demgegenüber sei keine „weichliche Philanthropie“ mehr angebracht.

Treitschkes jüdische Kollegen waren entsetzt. Immerhin trat der Autor der „Römischen Geschichte“ und 1902 dann Literaturnobelpreisträger, Theodor Mommsen, mit einem Machtwort gegen Treitschke auf. Er warnte vor dem „Bürgerkrieg einer Majorität gegen eine Minderheit“. Es ist klar zu sehen, dass der mörderische Antisemitismus nicht erst 1933 in Deutschland auf den Plan trat, sondern schon sehr viel früher. Gerade auch in bürgerlichen und akademischen Kreisen, die später dann davon nichts mehr wissen wollten (Willi Winkler, SZ 17.7.23).

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