3770: Kurswechsel sind eine Stärke der Demokratie.

Als Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in der denkwürdigen Bundestags-Sondersitzung am 27.2.22 die „Zeitenwende“ mit einer Riesen-Aufrüstung der Bundeswehr (100 Milliarden Euro) im westlichen Bündnis verkündete, setzte er – und wahrscheinlich war er sich dessen voll bewusst – seine eigene Partei, die SPD, und die Grünen schwer unter Druck. Die mussten entgegen dem, was sie vorher über Jahrzehnte verkündet hatten, plötzlich dem 2-Prozent-Ziel der Nato zustimmen und der gesamten Bedeutungserhöhung der Bundeswehr.

Wenn das mal gutgeht!

Allerdings wissen wir, dass so etwas schon vorher vorgekommen ist. Und nicht zum Nachteil des politischen Wegs der Bundesrepublik. 1979 stimmte Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) dem Nato-Doppelbeschluss zu, einer Aufrüstung mit Mittelstreckenraketen. Und 1999 genehmigte die Regierung von Gerhard Schröder (SPD) Kampfeinsätze der Bundeswehr über Serbien und dem Kosovo.

A propos: schwerer als die SPD hatten es dabei die Grünen. Bundesaußenminister Joseph (Joschka) Fischer (Grüne) hatte sich eigens selbst ein Bild von der Lage im Kosovo gemacht und daraufhin dem Kampfeinsatz vehement zugestimmt, ihn geradezu angeführt. Dafür wurde auf einem Grünen-Parteitag gegen ihn Gewalt geübt, wie wir wissen. Da sehen wir wieder, wie gewalttätig Pazifisten agieren können.

Bereits Konrad Adenauers Politik der Westintegration (ab 1949), die sich als ausschließlich richtig und erfolgreich erweisen hat, musste gegen Widerstände in der eigenen Partei (CDU/CSU), vor allem aber bei FDP und DP durchgesetzt werden, die damals zur Regierungskoalition gehörten. So konnte Konrad Adenauer (CDU) 1952 die Stalin-Note klar ablehnen, die im Sinne der Interessen der Sowjetunion eine Neutralisierung Deutschlands zum Ziel hatte.

2011 vollzog Angela Merkel (CDU) nach der Atomkatastrophe von Fukushima eine radikale Kehrtwende in der Energiepolitik.

2015 sagte sie zur Flüchtlingskrise den legendären Satz: „Wir schaffen das.“

Grundlegend aber für schwerwiegende Kurswechsel in der deutschen Politik war die Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) am 8. Mai 1985: „Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft. die zum Kriege führte. … Wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrwegs deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.“

Das hat der große Publizist Peter Bender so ausgedrückt, diese Worte „wären weit weniger beachtet und noch mehr kritisiert worden, wenn ein sozialdemokratischer Präsident gesprochen hätte, Wirkung und politische Bedeutung dieser Mahnung lagen auch darin, dass sie von ‚rechts‘ kam. Nicht ein Emigrant, sondern ein Frontoffizier, nicht ein Atheist, sondern ein ehemaliger Kirchentagspräsident, nicht ein Linker, sondern ein führender CDU-Politiker zerstörte die Lebenslüge der Bundesrepublik, nur das Opfer ungünstiger Umstände zu sein.“

(Joachim Käppner, SZ 5./6.3.22)

 

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