Sehr viele aus meiner Generation kennen den Philosophen Günther Anders (eigentlich Günther Stern), (1902-1992), als Verfasser von „Die Antiquiertheit des Menschen“ (1956) und als Ehemann von Hannah Arendt von 1929 bis 1937. Er war eine Leitfigur des internationalen Pazifismus. Als Jude emigrierte er zunächst nach Paris, dann nach New York und lebte seit 1950 in Wien. Inzwischen ist sein Essay
„Der Emigrant“ (1962)
wieder aufgelegt worden: München (C.H. Beck) 2021, 86 Seiten. Er erscheint erstaunlich aktuell. Anders leistet harte Trauerarbeit. Er schildert, wie in der Emigration die Erinnerung schwindet. Das Exil erscheint als Entkoppelung des Individuums von sich selbst. Die Emigranten waren den im Reich gebliebenen Deutschen wie Luft, sie wurden nicht zur Kenntnis genommen. Viele Emigranten hätten an „Weltlosigkeit und Sozialhunger“ gelitten, nicht wenige Selbstmord begangen.
Gegenüber den „Berufsemigranten“, wie Anders sie nennt, entwickelt der Autor so etwas wie „zynischen Scharfsinn“. Sie hätten die Über-Anpassung gewählt und seien in der Fremde vollkommen auf Assimilation ausgegangen (wie es heute teilweise wieder von Migranten verlangt wird). Dafür hatte Günther Anders nur Verachtung übrig, für diese „Kleinbürger und Kleinstädter unter uns, die sich reservelos der Fremde an den Hals warfen, die sich nach vierzehn Tagen als alte Pariser aufspielten oder als geborene New Yorker“ (Helmut Mauro, SZ 19.10.21).