Detlef Esslinger und Matthias Drobinski sind zwei Journalisten der SZ (beide vom Jahrgang 1964), die über Kirchen und Religion schreiben. Esslinger ist stellvertretender Chef der Innenpolitik. Angesichts der weithin scheiternden Aufklärung über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche stehen Drobinski und Esslinger kurz vor der Resignation:
1. Esslinger wirft dem ehemaligen Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff Unfähigkeit zur Seelsorge vor, wenn der schreibt: „Ich fühlte mich überfordert – vor allem mit Opfergesprächen.“
2. „Es ist zum Verzweifeln mit der katholischen Kirche. Dass man darin eingetreten ist, haben einst die Eltern für einen übernommen. Dass man dringeblieben ist, ist die eigene Entscheidung. Vielleicht, weil man persönlich nie in die Hölle dieser Institution blicken musste.“
3. „Aber warum legt es die katholische Kirche seit Jahrhunderten darauf an, nicht nur als karitative, sondern auch als kriminelle Vereinigung wahrgenommen zu werden? Kreuzzüge, Ablasshandel, Inquisition, die Beihilfe für Tyrannen, das massenhafte Decken von sexueller Gewalt: Mit dem Evangelium hat das alles so viel zu tun wie Moskau Inkasso mit Bankberatung.“
4. Was sexuelle Gewalt betrifft, kamen die Münchener Gutachter im Fall des Bistums Aachen auf 81 beschuldigte Kleriker.
5. „Im normalen Leben ist es so: Wenn man einen Riesenmist angestellt hat, bittet man um Verzeihung und zieht sich dann erst mal zurück – vor allem hört man auf, der Welt Ratschläge zu geben.“
6. „Vorschriften und Drohungen sind ihr (der Kirche) Ding. Tue dies und lasse das. Wenn du später in den Himmel willst, geh lieber sonntags in die Messe. Komme zur Beichte. Onaniere nicht. Bloß kein Sex vor der Ehe. Mit solchen Vorschriften hat sie Katholiken jahrhundertelang in Gottesfurcht gehalten.“
7. „In der katholischen Kirche gibt’s Ränge und Ehrentitel wie sonst nur beim Militär: Kaplan, Monsignore, Prälat, Dekan, Abt, Prior, Regionaldekan, Weihbischof, Bischof, Erzbischof, Kardinal.“
8. „Wer als Geschiedener wieder heiratet, den schließt die Kirche grundsätzlich von ihrer Kommunion aus. Wer gar bei ihr beschäftigt ist, dem nimmt sie mit der Wiederheirat die berufliche Existenz.“
9. „Wen jemand liebt und wen nicht mehr und warum – das geht niemaden etwas an, keinen Nachbarn, keine Bürgermeisterin und keinen Kardinal. Warum gehört eine solche Anmaßung gerade zum Wesen ausgerechnet jener Institution, die so viele Unholde jahrzehntelang gedeckt hat?“
10. „2019 haben in Deutschland 273.000 Gläubige die katholische Kirche verlassen, das sind 14.000 mehr als Aachen Einwohner hat (dass ein weiteres Aachen bei den Protestanten hinzukam, sei hinzugefügt, macht die Sache aber für die katholische Kirche nicht besser).“ (Detlef Esslinger, SZ 18.11.20)
11. Über das Münchener Gutachten: „Denn die Untersuchung in Aachen wechselt grundsätzlich die Perspektive. …Was geschah, um Betroffenen der Gewalt zu helfen? Und was geschah, dass es möglichst keine weiteren Opfer geben wird? Es ist die Perspektive der verletzten Menschen. Insofern ergreifen die Gutachter Partei – für die Schwachen, auf deren Seite zu stehen die Kirche doch so stolz ist.“
12. „Um so mutiger ist der Schritt des jetzigen Aachener Bischofs Helmut Dieser und seines Generalvikars Andreas Frick, diesen Bericht zu veröffentlichen. Aachen setzt damit einen Standard – und lässt die Argumente des benachbarten Erzbistums Köln bröckeln.“ (Matthias Drobinski, SZ 13.11.20)