3013: Schlöndorff: Das Kino ist nicht tot.

Der deutsche Oscarpreisträger („Die Blechtrommel“, 1979) Volker Schlöndorff spricht über die Chancen des Kinos:

„Das Kino ist tot – es lebe das Kino? Die digitalen Technologien haben neue Formen des Erzählens hervorgebracht, nicht zuletzt der Serien, die eine ganze Generation dem Kino entfremdet haben. Auch dem Film als Einzelstück, der wie der klassische Roman oder das Theaterstück eine geschlossene Geschichte in einem Bogen erzählt, scheint dieser Generation etwas aus einer anderen Zeit, eine Zumutung womöglich, denn man muss sich über einen längeren Zeitraum konzentrieren, und der Inhalt verlangt meist, dass man sich damit auseinandersetzt. ‚Der Vorhang geht irgendwann auf, und mit Ende der Erzählung fällt er wieder, hoffentlich nach nicht mehr als zwei Stunden‘, wie Billy Wilder es einst definierte. Ich habe es an mir selbst erlebt, wie süchtig Serien machen können, …

So unterhaltsam sie auch sind, wie innovativ die audiovisuelle Sprache auch ist, auf mich wirken sie zeitraubend (wer hat die Zeit, sich all die Folgen anzusehen – auch bei Corona?!). Das Prinzip ist ‚more of the same‘. Wahrscheinlich können sie keinen anderen Sinn liefern, als dass alles immer weitergeht. Nie stellt sich bei mir jedenfalls die Erregung ein, die ich beim Verlassen des Kinos oftmals empfinde, dass mir ein Film nachgeht oder mich zum Reden darüber bringt, egal ob mit mir selbst beim Gang durch nächtliche Straßen oder mit anderen in der nächsten Kneipe.

Der Fortsetzungsroman hat auch nicht die gesamte Belletristik hinweggefegt und, wenn der Vergleich stimmt, wird es auch wieder Bergmans und Fellinis geben, Antonionis und de Sicas, Formans und Fassbinders, die Filme machen, von denen jeder ein Einzelstück ist, und die eine große Leinwand und den geschlossenen Raum mit anderen brauchen, um mit dem Publikum zu kommunizieren. So ist weder der Autorenfilm noch das Kino tot. Beide werden nur von einer neuen Generation neu erfunden werden. Unsere Sehnsucht hinterlässt eine nie zu schließende Marktlücke. “ (FAZ 29.8.20)

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