Die Forderung nach der
Trennung von Nachricht und Meinung
kam nach 1945 aus dem anglo-amerikanischen Journalismus nach Westdeutschland (alte Bundesrepublik). In der DDR galt bis 1989 Lenins Lehre von
Propaganda, Agitation und Organisation
aus dem Jahre 1903 (vgl. hier W.S.: Objektivität und Parteilichkeit. Frankfurt am Main 1981). Die Trennungsforderung hat sich über die Jahrzehnte bewährt (abgesehen von den Zurückgebliebenen bei Reichsbürgern, anderen Rechtsextemisten und AfD-Anhängern), auch wenn jeder studierte Journalistenschüler weiß, dass sie nicht lupenrein durchzuhalten ist.
„Journalisten wählen Thema, Länge und Platzierung eines Textes aus. Und weil diese Entscheidungen von Menschen getroffen werden, sollen sie sich zwar um die Schilderung von schieren Tatsachen bemühen, um einen möglichst unbeteiligten Blick, und sich der Bewertung enthalten. Aber sie werden das Ideal absoluter Objektivität nie erreichen. Nichts ist schädlicher für die Glaubwürdigkeit der Medien als die Behauptung, man schreibe nur auf, ‚was ist‘.“ (Sonja Zekri, SZ 20./21.6.20)
Das Bemühen um Objektivität kommt im praktischen Journalismus häufig darin zum Ausdruck, dass man alle beteiligten Seiten zu Wort kommen lassen will. Das ist de facto „Ausgewogenheit“ (im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorgeschrieben). Die Neutralität im Journalismus hat ihre Grenzen in Aufrufen zur Gewalt, bei menschenverachtenden Positionen und demokratiefeindlichen Ansichten.
Die Verunsicherung bei Journalisten und Rezipienten reicht hinein bis in ein Milieu, das sich selbst wohl als liberal beschreiben würde. „Grünen-Wähler, Bioladenkunden, scharfe Kritiker von Frauenfeinden und Rassisten, mal erbittert, mal larmoyant möchten sie wissen, was man denn als weißer Mann überhaupt noch sagen könne. Berechtigte Anliegen von Migranten und Frauen habe man immer großzügig unterstützt. Das N-Wort ist tabu, Herrenwitze gelten als primitiv, und selbstverständlich essen die Kinder Schokoküsse. Reicht das immer noch nicht?“
Sonja Zekri meint: nein!
Weil die Anliegen der weißen Mehrheitsgesellschaft nicht mehr sind als Anliegen eines Bevölkerungsteil neben anderen.
„Wenn Protestierende in Großbritannien ein Denkmal Winston Churchills stürzen wollen, findet mancher in Deutschland das falsch, weil Churchill gegen Hitler kämpfte. Doch andere sehen eben auch den Mann, der als britischer Premierminister brutale Internierungslager während des kenianischen Mau-Mau-Aufstandes zu verantworten hatte. Der amerikanische Bürgerkrieg gilt in den USA als nationale Tragödie, Brudermorde, Verwüstung, großes Leid. Das sei die Sicht der Weißen, schrieb der schwarze Intellektuelle Ta-Nehisi Coates, kein Schwarzer werde im Bürgerkrieg etwas anderes sehen als die Befreieung von der Sklaverei.“