Nelly Sachs (1891-1970) und Paul Celan (1920-1970) waren verbunden durch die von ihnen empfundene Verpflichtung, in ihren Gedichten für die Ermordeten der Schoah Zeugnis abzulegen. Getroffen haben sie sich erst am 25. Mai 1960. Da wusste Celan schon, dass er den
Büchnerpreis (1960)
bekommen würde, Sachs kriegte den
Drostepreis (1961).
Dazu reiste sie zum ersten Mal seit 1940 wieder nach Deutschland, nach Meersburg (Bodensee). 1960 waren beide in der Krise. Celan hatte mit der Plagiatsaffäre zu tun, in der er falsch beschuldigt wurde (und die ihn in die Psychiatrie brachte). Und Sachs litt an der Verdrängung der Nazizeit in Deutschland und kam in eine Nervenklinik in Stockholm. Sie erhielt den
Friedenspreis des deutschen Buchhandels (1965) und den
Literaturnobelpreis (1966).
Im Juni 1960 besuchte Nelly Sachs die Familie Celan in Paris. Paul Celans Hinweise auf die Ablehnung, die er – seiner Meinung nach – in Deutschland erfuhr, verstärkten ihre paranoiden Gedanken. Im August 1960 reiste Celan nach Stockholm, um Sachs zu treffen. Ob die beiden sich überhaupt gesehen haben, wissen wir nicht.
Für die Dichtung nach der Schoah ist die Beziehung dieser beiden Dichter bezeichnend. Deshalb verwundert es, dass in diesem Jahr 2020 nicht mehr darüber zu hören ist. Zwar ist Paul Celan in aller Munde, aber von Nelly Sachs hören wir fast gar nichts. Als sie 1970 im Sterben lag, berichtete ihr eine Besucherin vom Selbstmord Celans. Kurz darauf, am 12. Mai 1970, starb Nelly Sachs (Marie Schmidt, SZ 12.5.20).