In letzter Zeit wird vehement gestritten (in der „taz“ und anderswo) darüber, ob der von dem afrikanischen Gesellschaftswissenschaftler Achille Mbembe vertretene Postkolonialismus
antisemitisch
ist. Dazu haben Amos Goldberg und Alon Confino einen Beitrag (taz 2./3.5.20) geschrieben, der mich durch seine Menschlichkeit sehr anspricht. Beide sind Professoren für die Geschichte des Holocaust. Der eine in Amhurst/USA, der andere in Jerusalem. Ich verkürze ihre Aussagen (hoffentlich angemessen).
1. Schon ein großer zionistischer Führer, Ze’ev Jabotinsky, hat 1923 kühl darüber geschrieben, warum die Palästinenser den Zionismus ablehnten: „Meine Leser haben eine allgemeine Vorstellung von der Geschichte der Kolonialisierung in anderen Ländern. Ich schlage vor, dass sie alle ihnen bekannten Fälle betrachten und prüfen, ob es einen einzigen Fall gibt, in dem eine Kolonisierung mit der Zustimmung der einheimischen Bevölkerung durchgeführt wurde. Diesen Präzedenzfall gibt es nicht. Die einheimische Bevölkerung hat immer hartnäckig Widerstand gegen Kolonisatoren geleistet.“
2. Der leidenschaftliche Zionist Haim Kaplan, der 1942 in Treblinka ermordet wurde, hat 1936 geschrieben, dass die Palästinenser ja recht hätten: Der Zionismus vertreibe sie aus ihrem Land und beginne einen Krieg gegen sie.
3. Die Debatte, wie weit der Zionismus kolonialistisch ist, ist seit 1967 noch nicht abgeschlossen.
4. Der Zionismus bot den Juden einen sicheren Hafen. Gleichzeitig schuf er einen kolonialen Siedlerstaat, in dem Segregation und Diskriminierung zum Alltag gehören.
5. Wir müssen zwei Geschichten erzählen. Die davon, dass Juden vor dem Antisemitismus besonders in Deutschland nach Palästina flohen. Und die davon, welche Konsequenzen das für die Palästinenser hatte.
6. Die Europäer sehen den jüdischen Flüchtling. Die Palästinenser sehen den kolonialen Siedler.
7. Juden haben heute eine doppelte Verantwortung: Sie müssen den Antisemitismus weltweit bekämpfen. Und sie tragen in Israel die Verantwortung für das falsche Verhalten gegenüber den Palästinensern.
8. 1948 wurden die meisten palästinensischen Zivilisten vertrieben. Heute sind sie Zeugen der israelischen Besatzung: der Plünderung von Land, der Errichtung von Siedlungen, der Tötung Unschuldiger, des Abrisses von Häusern und anderem.
9. Israel plant derzeit die Annexion großer Teile des Westjordanlands.
10. Wir dürfen die palästinensischen Stimmen nicht überhören: „Diese Stimmen sind Teil des Gesprächs und dürfen nicht reflexartig als antisemitisch bezeichnet werden. Wenn wir auf diese Stimmen hören und unserer Verantwortung genügen, macht uns das mehr und nicht weniger jüdisch. Es macht uns alle mehr und nicht weniger menschlich.“