Der israelische Bestsellerautor Yuval Noah Harari, 44, ist eine Art Popstar unter den Historikern und international gehandelten Welterklärern. Von ihm stammt etwa „Eine kurze Geschichte der Welt“. Thorsten Schmitz hat ihn für die SZ interviewt (17.4.20).
SZ: Als Historiker ist es ihr Job, weit zurück in die Vergangenheit zu schauen. Wird die Corona-Krise als Fußnote in der Geschichte enden oder ist sie eines der prägendsten Ereignisse unseres Jahrhunderts?
Harari: Irgendwo dazwischen vielleicht. Es ist verfrüht, die Corona-Krise jetzt schon historisch einzuordnen, aber sie ist mit Sicherheit keine existentielle Bedrohung für die Menschheit. Menschen haben in der Vergangenheit schlimmere Pandemien überlebt wie z.B. die Pest im 14. Jahrhundert und die Spanische Grippe 1918. Auch Aids war im Anfangsstadium weitaus tödlicher als das Coronavirus jetzt. Wer in den achtziger Jahren HIV-positiv getestet wurde, war zum Tode verurteilt. Wer jetzt mit dem Coronavirus infiziert ist, selbst ältere Personen, hat eine relativ gute Chance, das zu überleben.
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SZ: Viele Menschen machen unsere globalisierte Welt verantwortlich für die Ausbreitung des Virus.
Harari: Im Gegenteil, die Globalisierung hilft uns, es einzudämmen. Epidemien hat es schon viel länger gegeben, weit vor Beginn der Globalisierung. Als die Pest-Pandemie ausbrach, gab es keine Flugzeuge oder Hochgeschwindigkeitszüge, deren Passagiere die Seuche weitergetragen haben in andere Länder. Die einzige Zeit, in der es keine Epidemien gab, war das Steinzeitalter. Und da wollen wir ja nicht wieder hin. Außerdem gibt es viel weniger Epidemien, seit wir in einer globalisierten Welt leben. Sie sind auch weniger vernichtend, gerade weil die Wissenschaft international kooperiert und man Informationen austauscht.
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SZ: Werden unsere persönlichen Beziehungen unter der sozialen Distanz leiden?
Harari: Ich glaube nicht, dass wir eine fundamentale Veränderung in unserem Sozialverhalten der Menschen erleben werden nach Monaten mit Ausgangssperren und Kontaktverboten. Menschen sind soziale Wesen, wir mögen Kontakt, wir haben viele Pandemien erlebt, Aids etwa hat nicht die Natur der Menschen verändert.
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