Darüber schreibt Matthias Drobinski. Kundig, kritisch und als Katholik (SZ 28.1.20):
„Die Kirche, die von der Liebe predigte, erwies sich als empathielos, kalt und darauf aus, mit aller Gewalt, die Insitution zu schützen. Der
28. Januar 2010
war ein befreiender Tag in der Geschichte der Bundesrepublik, ein Tag der Wahrheit. Er war es zuerst für alle, die Jahrzehnte nicht hatten merken dürfen, was ihnen angetan wurde, die sich schämten, obwohl die Schande die Täter hätte treffen müssen. Er war es für die katholische Kirche, auch wenn das viele ihrer Vertreter lange nicht wahrhaben wollten. Es zeigten sich die Lebenslügen der Institution, die tiefe moralische und geistliche Krise, die der Skandal ja nicht verursachte, sondern offenbarte: Eine Kirche, die ihren Ruf durch Vertuschung aufrechterhalten muss, ist im Innern faul.“
„Die tatsächliche Aufarbeitung der Gewalttaten steht aber auch zehn Jahre nach dem ersten Artikel in der ‚Morgenpost‘ immer noch am Anfang, das ist der Skandal im Skandal. Erst jetzt haben sich die Bischöfe dazu durchgerungen, die Aufklärung der Taten und ihrer Vertuschung externen Kommissionen zu übertragen, die auch Zugriff auf alle Kirchenakten haben sollen –
dem Kriminologen Christian Pfeiffer und den Forschern einer von den Bischöfen in Auftrag gegebenen Studie wurde das noch verwehrt.
Erst jetzt haben die Bischöfe Frauen und Männer aus dem Kirchenvolk gebeten, mit ihnen gemeinsam den strukturellen Ursachen der Gewalt auf den Grund zu gehen: dem Missbrauch von religiöser Macht und Männermacht, dem klerikalen Bund der Brüder, der Tabuisierung von Sexualität und Homosexualität, dem weitgehenden Ausschluss von Frauen von der Kirchenleitung. Und erst jetzt diskutieren die Bischöfe nennenswerte Entschädigungszahlungen für die Betroffenen – ohne sich bisher auf Summen einigen zu können, die einigermaßen anerkennen, was da an Leben zerstört wurde.“