2699: Paul Celan – rätselhaft, widersprüchlich und fremd

Briefe waren für Paul Celan (1920-1970) sehr wichtig. Uns können sie zum Verständnis dienen. Neben anderen sind in der letzten Zeit Celans Briefwechsel mit Nelly Sachs (1993), Gisèle Celan-Lestrange (2001), Ilana Shmueli (2004), Peter Szondi (2005) und Ingeborg Bachmann (2008) erschienen. Eine faszinierende Lektüre, die uns allerdings nicht immer aufklärt. Nun ist ein neuer Band erschienen:

Paul Celan: „Etwas ganz und gar Persönliches“. Briefe 1934-1970. Ausgewählt, herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann. Berlin (Suhrkamp) 2019, 1.286 S., 78 Euro.

Bei insgesamt 691 Briefen enthält er 330 „Erstdrucke“. Helmut Böttiger (SZ 27.1.20) bestreitet das, er sieht den ganzen Band kritisch. Je mehr wir über Paul Celan erfahren, desto widersprüchlicher und rätselhafter wird sein Bild. Ja, sagen wir es offen, dass der Dichter aus Czernowitz uns in mancher Hinsicht fremd bleibt. Sein Judentum war nicht religiös und mystisch, sondern ganz auf zeitgeschichtliche Erfahrungen gegründet. Von 1940 bis 1945 hatte Celan den Nazi-Terror in der Bukowina miterlebt. Er überlebte in einem Arbeitslager. Seine Eltern wurden von den Nazis ermordet.

Celans weiterer Weg führte ihn über Bukarest und Wien nach Paris (1948), wo er auch als Übersetzer tätig war. Seine poetischen Wurzeln lagen bei Stefan George, Georg Trakl und, vor allem, bei Rainer Maria Rilke. Bei den „Obergefreiten“ der Gruppe 47 fand er 1952 in Niendorf/Ostsee kein Verständnis, als er die „Todesfuge“ vorlas. Bei der Gruppe 47 war Celan danach nie mehr. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich 1979 bei der Analyse von Marvin Chomskys Hollywood-Fernseh-Serie „Holocaust“ meinen Studenten die „Todesfuge“ vorgelesen habe.

Schwer verständlich sind manche Züge Celans. So traf er sich 1967 zum ersten Mal mit Martin Heidegger, der Celans Gedichte studiert hatte. Gemeinsam wanderten sie nach Todtnauberg. Celan galt als Linker. Aber kaum in dem westeuropäischen Sinn von 1968. Celan wechselte Briefe mit Rolf Schroers, der im Zweiten Weltkrieg die „Abwehr“ von Partisanen in Italien kommandiert hatte. Unter dem Antisemitismus litt Paul Celan am meisten. Das kommt uns heute wieder verständlicher vor.

Helmut Böttiger kritisiert die Briefauswahl Barbara Wiedemanns als zu willkürlich. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie 2020 „Paul Celan – ein Leben in Briefen“ herausbringen will. Ob die Herausgeberin dabei nach Böttigers Meinung stets die „spezifische Dynamik“ des Verhältnisses von Ingeborg Bachmann und Paul Celan erfasst, muss offen bleiben. Celans zahlreiche Liebesbeziehungen sind für manche wohl zu fremd. Im neuen Band wird erstmals die Beziehung zu Inge Waern erwähnt, einer Freundin von Nelly Sachs. Ihretwegen hatte Celan 1964 anscheinend seine Übersiedlung nach West-Berlin erwogen. An den DDR-Lyriker Erich Arendt schrieb Celan: „Ich sagte Ihnen schon, wie einsam wir sind; wir sind es auch mit unseren Vorstellungen vom Arbeiten und Leben.“ (Oliver Jungen, FAZ 21.12.19; Eberhard Geisler, taz 6.1.20)

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