Der Förster Peter Wohlleben, 56, ist ein Bestsellerautor. 2015 hat er mit „Das geheime Leben der Bäume“ einen Riesenerfolg gelandet. Für ihn ist der Wald nur als unangetasteter Urwald wertvoll. Damit wird er zur Heilsfigur für alle, für die Umweltschutz bedeutet, dass sich der Mensch rauszuhalten habe. Wohlleben verurteilt die deutsche Forstwirtschaft. Er zieht Vergleiche zwischen Waldbau und Massentierhaltung. Bei ihm kommt ein Baumstumpf vor, der von den umliegenden Buchen mit Nährstoffen versorgt wird und deshalb nicht verfault. Diese Vermenschlichung des Waldes nimmt die Wissenschaft Wohlleben nicht ab.
Für den Göttinger Hochschullehrer für Waldbau und Waldökologie der gemäßigten Zonen, Prof. Dr. Christian Ammers, überschreitet Wohlleben die Grenze zwischen wissenschaftlich belegbaren Fakten und Spekulationen. Ammer beschäftigt sich in seiner Forschung mit der Konkurrenz zwischen Bäumen. „Konkurrenz ist das bestimmende Prinzip zwischen Buchen. … Das ist ein Kampf ums Überleben, kein Sozialstaat, der die Schwachen schützt.“ Peter Wohlleben verziert seine Ausführungen mit Fußnoten, die dem Ganzen den Anstrich einer wissenschaftlichen Arbeit geben. Bei ihm klingt es immer so, als würden die Bäume bewusst Entscheidungen treffen. Der Biologe Torben Halbe wirft Wohlleben vor, nur das in seine Publikationen hineinzunehmen, was in sein Weltbild passt. Rosinenpicken.
In einem großen Übersichtsartikel, der sich kritisch mit dem esoterischen Forschungsgebiet der „Pflanzenneurobiologie“ auseinandersetzt, brachten acht Pflanzenphysiologen den aktuellen Wissensstand auf den Punkt:
„Weder besitzen noch brauchen Pflanzen ein Bewusstsein.“
Wohlleben dagegen sagt, „man muss seine Fantasie benutzen, um eine leise Ahnung zu bekommen, was in einem Baum vorgeht“. Wissenschaftler setzen eher auf wissenschaftliche Methoden als auf Fantasie.
Beim Publikum kommt Wohllebens Weltanschauung verständlicherweise gut an. Sie entspricht dem Zeitgeist. Auch von der Politik wird er inzwischen als Impulsgeber eingesetzt. Der Biologe Halbe hält das für gefährlich: „Derart unterhalten, will sich niemand mehr mit den komplexen Zusammenhängen in der Forstwirtschaft auseinandersetzen, damit, was sie ökologisch und gesellschaftlich bedeuten und was die Alternativen sind.“ Christian Ammer: „Wer Herrn Wohlleben in Talkshows zuhört, muss zu dem Schluss kommen, dass die Nutzung von Wäldern per se etwas Schlechtes ist, insbesondere mit Blick auf den Klimaschutz.“ Tatsächlich sei das Gegenteil der Fall, Waldbau sei ein wichtiges Werkzeug im Kampf gegen die Klimakrise. „Mich macht es traurig zu sehen, wie einfach es ist, allein durch emotionale Darbietung, Dinge als Fakten erscheinen zu lassen, die keine sind. Das sehen wir inzwischen auch in vielen anderen Bereichen und in der Politik.“ (Hanno Charisius, SZ 22.1.20)
„Das geheime Leben der Bäume“ gibt es auch als Film von Jörg Adolph (Naturfilmaufnahmen: Jan Haft), 96 min, Verleih: Constantin (Martina Knoben, SZ 23.1.20).