2680: Kepel: Trump und Erdogan sind stark.

Gilles Kepel, 64, ist Professor für den Nahen Osten und den Mittelmeerraum an der Ecole Normale Superieure in Paris. Er ist ein sehr angesehener Experte. Sein gerade erschienenes Buch heißt: „Chaos: Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen“. Dazu hat ihn Andrian Kreye für die SZ (13.1.20) interviewt.

SZ: Spielt die Frage, ob der Angriff auf Soleimani rechtmäßig war, keine Rolle?

Kepel: Trump hat gezeigt, dass er als Präsident entscheiden kann, jeden Menschen an jedem Ort der Welt zu töten. Das könnte nicht nur eine neue Jurisprudenz sein, sondern überhaupt eine neue Ära der Kriegsführung. Nicht nur im Nahen Osten. Denn das gilt nun für jeden, der eine Drohne hat. … Trump hat da ein schweres Trauma der amerikanischen Geschichte geheilt (die Geiselnahme von 52 US-Amerikanern in Teheran 1979). Er hat Rache für ein ungesühntes Verbrechen genommen. Nicht

das Wiesel Obama oder der Superinterventionist Bush.

Er, Trump, der Drachentöter. Diese symbolische Dimension der Tötung Soleimanis wird für seine Wiederwahl wichtig sein.

SZ: Wird sich das Chaos, das Ihrem Buch den Titel gibt, mit Trumps Beweis der Stärke denn beruhigen?

Kepel: Wir stehen sicher vor gewaltigen Veränderungen in der Region. Saudi-Arabien hat an Einfluss verloren. Amerika zieht sich zurück. Russland mischt sich ein. Die Hoffnungen des Arabischen Frühlings haben sich längst zerschlagen. Der neue starke Mann im Nahen Osten ist Erdogan mit seinem Traum vom Osmanischen Reich.

SZ: Und welche Rolle spielt Europa?

Kepel: Europa wird stärker gemeinsam handeln müssen. Wir müssen ein einigeres, wohlhabenderes Europa schaffen. Und neben einer gemeinsamen Außen- brauchen wir eine gemeinsame Sicherheitspolitik. Es ist schon ironisch, dass ich das als Franzose sage, aber wir

brauchen stärkere deutsche Streitkräfte

und ein starkes deutsch-französisches Bündnis. Die Tatsache, dass Europa gerade so passiv wirkt, ist ein deutliches Zeichen von Schwäche. Das ist gefährlich.

 

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