Albert Camus (1913-1960) hat bei den französischen Intellektuellen lange Zeit nicht den Rang eingenommen wie Jean-Paul Sartre (1905-1980). Dafür aber mit seinen Millionenauflagen weltweit bei seinen Lesern. Während Sartre der Ideologe war, der schließlich sogar die kommunistische Unterdrückung von Volksaufständen rechtfertigte (1953, 1956), kritisierte Camus Ideologien als unmenschliche Systeme. Für seine Philosophie des Absurden gibt es zwei Hauptwerke: „Der Mythos von Sisyphos“ (1942) und „Der Mensch in der Revolte“ (1951). Bei Camus muss das menschliche Streben nach Sinn in einer sinnlosen Welt vergeblich bleiben, es ist aber nicht ohne Hoffnung. Auf Menschlichkeit und Liebe. Vor sechzig Jahren ist er bei einem Autounfall gestorben.
Die Geschichte hat seit langem Camus gegenüber Sartre Recht gegeben. Das kommt vor allem im Umbruch von 1989 zum Ausdruck. In seiner Dankesrede 1958 zur Verleihung des Literatur-Nobelpreises sprach Camus davon, dass er vor allem „reich an Zweifeln“ sei. Mittlerweile wird Camus auch in Frankreich stärker anerkannt. Auf der Rangliste der wichtigsten Autoren des „Figaro“ 2019 steht er auf Platz vier hinter Guy de Maupassant (1850-1893), Jean-Baptiste Molière (1622-1673) und Emile Zola (1840-1902). Sein Roman „Der Fremde“ (1942) und seine unvollendete Autobiografie „Der erste Mensch“ (1994) sind Weltbestseller. Sein Briefwechsel mit der Schauspielerin Maria Casarès, seiner Geliebten, wurde trotz seines Umfangs von 1.500 Seiten 50.000 mal verkauft.
Der Chefredakteur des „L’Express“ nennt Albert Camus durchaus liebevoll einen „doppelten Verräter“, der seine Heimat (Algerien) und seine Klasse (das Bürgertum) verlassen habe. Seine Tochter Catherine sagt: „Papa ließ sich nicht vereinnahmen, von nichts und niemandem. Wer die Macht liebt, kann Camus nicht lieben.“ Camus verachtete das Schwarz-Weiß-Denken. 1945 setzte er sich in seinen „Briefen an einen deutschen Freund“ für die französisch-deutsche Versöhnung ein. Seiner Generation, so meinte Camus, komme die Aufgabe zu, die Zerstörung der Welt zu verhindern (Martina Meister, Literarische Welt 4.1.20).