Als 2006 Volker Weidermanns „Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute.“ erschien, war ich als Nicht-Literaturwissenschaftler begeistert wegen Weidermanns analytischem Zugriff und seiner Beschreibungsfähigkeit. Mit „Ostende“ (2014) ist ihm dann nochmals so ein Coup gelungen. Von seinen vielen weiteren Veröffentlichungen habe ich bei weitem nicht alle gelesen. Nun ist er auch noch der Chef des „Literarischen Quartetts“ und formt dieses Format nach seinen Vorstellungen. Erfolg über Erfolg. Das ruft natürlich Neider auf den Plan. Fast habe ich den Eindruck, dass davon sogar die Rezensionen zu Weidermanns
„Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki“. Köln 2019, 310 S., 22,70 Euro,
teilweise bestimmt sind. Gut, das übergehe ich dann.
Die Geschichte der beiden Antipoden ist weithin bekannt. Vom ersten Treffen im Hotel „Bristol“ in Warschau 1958 bis zum Tod Reich-Ranickis (2013, Grass starb 2015). Mit Höhepunkten wie der ersten und später revidierten Rezension zu Grass‘ „Blechtrommel“ (1960) oder dem Titel-Cover des „Spiegels“ 1995 zu „Ein weites Feld“. Und noch vieles mehr. Weidermann weiß das alles auch und beschriebt es sehr leserfreundlich. Das kann man ihm ja kaum vorwerfen. Der polnische Jude, der das Warschauer Ghetto überlebt hat (worüber er in „Mein Leben“ 1999 so ergreifend geschrieben hat), und der junge Deutsche, der sich kurz vor Kriegsende zur Waffen-SS gemeldet hat, sind aufeinandergeprallt. Der eine war der wichtigste Literaturkritiker in Deutschland, der andere der Großschriftsteller.
Beide waren sehr politische Autoren. Günter Grass, auf dessen politisch-analytische Unfähigkeit ich noch zu sprechen komme, hat Willy Brandt unterstützt. So gut es eben ging in jenen Zeiten. Aber nicht ganz ohne Erfolg. Er hat einmal immerhin über sich gesagt: „Es spricht nichts (oder nur Gewünschtes) gegen meine zielstrebige Entwicklung zum überzeugten Nationalsozialisten.“
Über Marcel Reich-Ranicki hat Gustav Seibt (SZ 18.9.19) geschrieben: „Als Kritiker ließ Reich-Ranicki Autoren wie Arno Schmidt, Hans Magnus Enzensberger, Heimito von Doderer, Ernst Jünger, später Thomas Bernhard, Peter Hacks, Heiner Müller so gut wie unbeachtet, er lehnte Peter Handke und Botho Strauß rundheraus ab. Der Literaturchef bewegte sich in einem streng abgezirkelten Gebiet.“ Dass er Martin Walser, der ihm den „Tod eines Kritikers“ (2002) widmete, nicht besonders mochte, verstehen wir. Walser kommt in Weidermanns Buch aber zu kurz. Ich (W.S.) persönlich schätzte Reich-Ranicki gerade deswegen so sehr, weil er klare Urteile fällte, deren Begründung ich nachvollziehen konnte. Es waren starke Urteile, bei denen sich der Kritiker nicht darum scherte, wer sich deshalb nun wieder auf den Schlips getreten fühlte oder hätte fühlen können.
Tilman Krause meint in seiner Rezension zu Weidermann (Die literarische Welt 12.10.19), er sei mit seinen 50 Jahren eventuell zu jung, um die intellektuellen und emotionalen Parameter nachvollziehen zu können, die in Deutschland mindestens bis zur Wiedervereinigung galten. Davon kann keine Rede sein. Krause arbeitet aber überzeugend heraus, dass es drei Publikationen sind, die Grass‘ literarischen Rang ausmachen:
der Roman „Die Blechtrommel“ (1959), die Novelle „Katz und Maus“ (1961) und die „historische Fantasie“ „Treffen in Telgte“ (1979).
Damit liegt er vollkommen richtig.
Günter Grass hat bekanntlich die Wiedervereinigung abgelehnt. Dazu hat Marcel Reich-Ranicki geschrieben: „Ich halte diese Verbindung von Auschwitz-Gedenken und Bedenken gegen die Wiedervereinigung für absoluten Unsinn. Diese Äußerungen gehören zu den vielen politischen Dummheiten, die wir von Grass zu hören bekommen haben.“
Volker Weidermann schreibt in seinem Buch (S. 275) klarsichtig über den Literaturnobelpreis für Günter Grass 1999 und ein „Spiegel“-Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki: „In diesem Gespräch, das im ‚Spiegel‘ am 4. Oktober 1999 erscheint, erklärt er auch, warum er sich so besonders freut, dass Grass diesen Preis bekommt. Deutschland sei einfach mal wieder dran gewesen mit einem Nobelpreis, …, und nun solle man sich mal vorstellen, Martin Walser wäre der Preis zugefallen: ‚Das wäre ein schwerer Schlag für mich. Oder gar dem dümmlichen Peter Handke! Eine Katastrophe.'“