Die 94-jährige Anita Lasker-Wallfisch hat den (mit 30.000 Euro dotierten) Deutschen Nationalpreis für ihren Einsatz gegen das Vergessen und den wiederaufflammenden Antisemitismus bekommen. Seit dem Ende der achtziger Jahre kommt sie immer wieder aus London nach Deutschland, um über das Schicksal der europäischen Juden zu sprechen. Sie war Häftling in Auschwitz und Bergen-Belsen. Ihre Eltern wurden ermordet. Ihre Schwester Renate (spätere Lasker-Harpprecht) traf sie in Auschwitz-Birkenau wieder. Die Schwestern gehörten zum berühmten Auschwitz-Orchester.
Schon im April 1945 hatte die junge Anita Lasker-Wallfisch vor einem BBC-Mikrofon in Bergen-Belsen erstmals über die Massenvernichtung der Juden gesprochen. Sie beschrieb, wie die Juden in Auschwitz in Gruben verbrannt wurden. „Ich habe alles mit eigenen Augen gesehen. Die Auschwitzer Häftlinge – die wenigen, die geblieben sind – fürchten alle, dass die Welt nicht glauben wird, was dort geschehen ist.“
Lasker-Wallfisch hatte schon 2018 im Deutschen Bundestag gesprochen. In ihrer aktuellen Rede warnte sie vor dem wieder aufflammenden Antisemitismus. „Judenhass ist wieder legitim. Die Wurzeln des Antisemitismus blühen in einer intoleranten, misanthropischen Gesellschaft, in der wir leider leben.“ Sie selbst habe ihren Eid, Deutschland nie wieder zu betreten, Ende der achtziger Jahre gebrochen. „Ich weiß heute, wie sinnlos Hass ist, mit dem man sich letzten Endes selbst vergiftet.“ (Benjamin Emonts, SZ 4.9.19)