Nachdem der US-amerikanische Präsident Donald Trump vier demokratische Kongressabgeordnete aufgefordert hatte, „in ihre Heimatländer zurückzukehren“, weil ihre Familien aus dem Ausland stammen und die Abgeordneten „farbig“ sind, war die Empörung in gesitteten Kreisen in Europa wieder groß. Jakob Biazza hat dazu Astrid Séville befragt (SZ 19.7.19). Sie lehrt politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Verhältnis von liberaler Demokratie und Populismus.
SZ: Frau Séville, ist das, was wir jüngst an rassistischen Ausfällen von Donald Trump erlebt haben, eine Zeitenwende in der politischen Rhetorik?
Séville: Es ist auf jeden Fall ein weiteres Beispiel für eine auf Spaltung, Xenophobie und Rassismus aufbauende Ideologie. Im aktuellen Tweet wird sie allerdings ungewöhnlich deutlich und unverhohlen kommuniziert. Wobei die Logik dahinter zunächst nicht neu ist. Die Politik von Trump ist seit jeher davon geprägt, verschiedene Gruppen gegeneinander auszuspielen. Als zum Beispiel in Charlottesville ‚White Suprematics‘ marschierten, Menschen also, die die Überlegenheit der weißen Rasse behaupten, sprach er davon, dass unter den Demonstranten auch vernünftige Leute gewesen seien. In seiner eigenen Regierung weist er auf den Migrationshintergrund von Mitarbeitern hin. Letzteres mag harmlos klingen, führt in Kombination mit seinen anderen Aussagen aber dazu, dass Gruppen und Milieus gegeneinander ausgespielt werden: Wer gehört zu uns – und wer nicht. In der Politikwissenschaft spricht man von ‚Nativismus‘ und ‚ethnischem Nationalismus‘, einer Ideologie, die immer wieder auf Herkunft abzielt.
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SZ: Da nehmen sich Deutschland und die USA also nichts?
Séville: Überhaupt nicht. Wenn Alexander Gauland über Jérome Boateng sagte, dass er ihn nicht als Nachbar haben wolle, ist das absolut vergleichbar. Gaulands Aussage spielt mit der Assoziation, schon Boatengs Name klinge fremd und er könne somit niemals vollwertiger Deutscher sein. Immer erleben wir solche Abgrenzungen durch Erzählungen von Fremdheit. Einer Fremdheit, an der auch die Zugehörigkeit durch Staatsbürgerschaft nichts ändern kann. Schlussendlich fördert dies eine rassistische und letztlich auch autoritäre Ideologie, die sich auch in der Sprache zeigt.
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