2475: Warum die Ossis anders sind als die Wessis

Die Berliner Psychoanalytikerin Annette Simon, geboren 1952, befasst sich in einem „Zeit“-Essay mit dem Titel „Wenn Familie zu sehr wärmt“ (4.7.19) mit der Frage, ob das Erstarken rechter Gesinnungen insbesondere in Ostdeutschland mit der DDR-Vergangenheit zusammenhängt oder mit dem Erleben der Ostdeutschen seit 1989. Dabei ist sie detaillierter und stößt weiter vor als jeder andere Autor, der mir bekannt ist. Ich numeriere hier ihre Argumente:

1. Die Hälfte der Ostdeutschen fühlt sich als Bürger zweiter Klasse.

2. 1989 stießen zwei Alltagskulturen aufeinander, wobei die westliche demokratischer war als die östliche. Das hatten die Wessis den US-Amerikanern, Briten und Franzosen nach 1945 zu verdanken.

3. Die 68er West haben die Bundesrepublik stärker geprägt, als diese es manchmal heute noch wahrhaben will (die AfD etwa ist eine klassische Anti-68er-Partei).

4. Die Ostdeutschen sind keine homogene Masse, sondern führen die tiefen Spaltungen der DDR-Gesellschaft heute noch mit sich (Herrscher/Beherrschte, Spitzel/Bespitzelte, Dissidenten, Karrierristen, Aussteiger).

5. 1990 wurden die inneren Konflikte der DDR nur weggebügelt.

6. In der Berliner S-Bahn kann heute noch der ehemalige Häftling wegen Republikflucht auf seinen Verhörer treffen. Und der Verhörer hat die erheblich höherer Rente.

7. Die Ex-DDR-Bürger gehen heute dem psychischen und sozialen Geprägtsein durch die DDR aus dem Weg.

8. Die Art des Andersseins wurde nach 1990 als minderwertig und selbstverschuldet betrachtet.

9. „Der narzisstischen Kränkung von außen noch eine eigene Verunsicherung von innen hinzuzufügen stellt eine hohe Anforderung an Stabilität und Reflexionsvermögen dar, die nicht jeder aufbringen kann.“

10. Bereits 2001 war von dem Leipziger Psychoanalytiker Jochen Schade eine Scham darüber konstatiert worden, wie weit sich viele DDR-Bürger den Anforderungen des Staates unterworfen und so ihre Identifikation mit dem Unrechtsstaat bewerkstelligt hatten.

11. Eine Rolle dabei spielte der Mythos, dass die DDR aus dem Antifaschismus geboren worden sei.

12. Das erleichterte die Schuldentlastung der Deutschen Ost.

13. Durchgearbeitet und analysiert wurden solche Phänomene nur in der Kunst und Literatur der DDR.

14. An den strukturellen Bedingungen für die Auflösung faschistoider Haltungen fehlte es teilweise. Wie im Westen auch herrschte das Schweigen im Walde.

15. „Dass DDR-Jugendliche in den 1980er Jahren anfingen, ihre Großeltern anders zu fragen, und viele unverdaute, geschönte Kriegserlebnisse zu hören bekamen, gehörte auch zu den Anfängen der rechtsradikalen Gruppen in der DDR.“

16. Die DDR-Machthaber identifizierten sich mit den Opfern in dem „Lied von den Moorsoldaten“ und benutzten die emotionale Ansprechbarkeit von Schülern für die Manipulation ihrer Gefühle.

17. Die Ostdeutschen waren aber nicht „Moorsoldaten“ gewesen, also Verfolgte und Opfer.

18. Manche DDR-Jugendliche wurden innerlich aggressiv gegenüber dem aufgepfropften Antifaschismus, durften dies aber unter Strafe nicht nach außen dringen lassen.

19. Die DDR versuchte, den Gegensatz von Familie und Kultur einzuebnen.

20. Die Auswirkungen dieser „Familiarisierung“ auf die Psyche der DDR-Bürger hat Uwe Johnson 197o in seinem Essay „Versuch, eine Mentalität zu verstehen“ beschrieben.

21. In der DDR-Kultur wurde von „unseren Menschen“ geredet, wie man von „unseren Kindern“ spricht, und es kam zu der jetzt oft beschworenen „menschlichen Wärme“ im gesellschaftlichen Umgang.

22. Das brachte gegenseitige Vorteile mit sich. Man arbeitete für den Staat. Und dieser übernahm die Fürsorge für seine Bewohner.

23. Die DDR-Kultur ermöglichte wenig Auseinandersetzungen zwischen den Generationen und keinen offenen Umgang mit Konflikten.

24. Der Staat schrieb sich als eine Art „Elterninstanz“ in die Seelen ein.

25. „Volkssport“ war in der DDR der heimliche Widerstand gegen viele offizielle Projekte.

26. So versuchten viele Ostdeutsche 1989 wieder mit den öffentlichen Vorhaben umzugehen. Passiver Widerstand wurde geübt. Nicht Mitwirkung und Selbstbestimmung.

27. Auch die nach 1989 Geborenen sind teilweise noch durch diese Verhaltensmuster geprägt.

28. Angst war die ganze Zeit nicht zugelassen, obwohl sie ein gutes und beachtenswertes Signal ist. Sie meldete sich teilweise erst heute zu Wort.

29. „Wird eine solche Angst heute in der Angst vor dem Fremden nachgeholt?“

30. Westeliten wurden als die neuen Herrscher empfunden.

31. „Das heute lautstark geäußerte Misstrauen in die Eliten überhaupt wäre gegenüber den DDR-Machthabern mehr als berechtigt gewesen.“

32. Der Begriff „Lügenpresse“ wäre gut auf die DDR-Massenmedien anzuwenden gewesen (vgl. die Forschung dazu aus dem Institut für Publizistik in Göttingen, W.S.).

33. Weststrukturen wurden nach 1990 schnell installiert und nicht immer verstanden.

34. Die Ostdeutschen bemerkten dadurch, dass die DDR doch ihre Heimat gewesen war.

35. Die Utopie von 1989, als Volk doch selbst etwas entscheiden zu können, ist heute verloren.

36. „Wie man sich in diese Demokratie einbringen kann, ohne aggressiv um sich zu schlagen, ist die Frage, die die rechten Provokateure uns allen auf den Tisch legen.“

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