Der Evolutionsbiologe
Leander Steinkopf
meint, dass Parteilichkeit in der Natur unseres Denkens liegt. Sogar Intelligenz und Bildung könnten daran nichts ändern (FAS 20.1.19). Ich fasse seine Thesen in 30 Punkten zusammen.
1. Mit einem Satz wie „Ich bin mir nicht sicher.“ kann man auf Twitter nicht die Massen mobilisieren.
2. Wir glauben, dass wir rechthaben. Die mit einer anderen Meinung erscheinen uns dumm, ungebildet, verbohrt und entfernt vom wahren Leben.
3. „Wer .. an die Vernunft glaubt, den muss die Psychologie enttäuschen.“
4. Der menschliche Geist ist durch die Evolution nicht für die reine Vernunft, sondern für die Drecksarbeit geformt.
5. Die Vernunft dient nicht der Erkenntnis, sondern der Rechthaberei.
6. In strittigen politischen Fragen wie der Zuwanderung, der Cannabislegalisierung und der Höhe von Hartz IV finden wir stets mehr Argumente für unsere Position als dagegen.
7. „Intelligenz und Bildung begünstigen also nicht Selbstkritik und Erkenntnisfähigkeit, sie verstärken nur, was ohnehin im menschlichen Gehirn steckt: kognitive Verbohrtheit.“
8. Gründe für unser Werturteil finden wir in der Regel, nachdem wir unsere Meinung gebildet haben.
9. Gerade in der Politik ist Vernunft unsere innere Public Relations-Abteilung, sie soll Gründe finden, die für unsere Position werben.
10. Es fällt uns leichter, die Gründe anderer zu bestreiten, als unsere eigenen Gründe zu benennen.
11. Was vor Gericht die Rollen von Staatsanwalt und Verteidiger sind und in der Wissenschaft die gegenseitige Kritik, das ist in einer funktionierenden Demokratie das System von Checks und Balances.
12. Wenn wir eine Person kennen, die sich durch Globuli geheilt fühlt, reicht das, um uns selbst den Glauben an Homöopathie zu gestatten.
13. „Ein Standardbeispiel .. sind natürlich die Skeptiker des menschengemachten Klimawandels, aber auch im anderen politischen Lager ist es ganz selbstverständlich, Glyphosat für krebserregend zu halten und Genfood für giftig, auch wenn das nicht dem Stand der Forschung entspricht.“
14. Pluralistinnen und Pluralisten sind nicht tolerant gegen Idioten, sondern erkennen die eigene Fehlbarkeit an.
15. Wenn die Vernunft unsere PR-Abteilung ist, wer ist dann die Geschäftsführung? Unser Egoismus.
16. „Der Mensch brauchte zu seiner Gutwerdung .. keine Moralphilosophen, stattdessen waren es die Vorzüge des Gruppenlebens, die ihn domestizierten und den eingehegten Egoismus in seine Gene einschrieben.“
17. „Nicht der Stärkste führt die Gruppe, sondern der sozial Geschickteste, denn auch der Kräftigste hat keine Macht über jene, die sich gegen ihn verbünden, schon bei Schimpansen ist das so.“
18. Die Waffennutzung ließ menschliche Auseinandersetzungen wahrscheinlicher mit dem Tod enden. Deswegen zog man den Anführer vor, der befriedete, um zu besseren Lösungen zu kommen.
19. Die Integration in die Gruppe beförderte bei den Individuen Loyalität einerseits und Hass auf Abweichler andererseits.
20. Tatsächlich gibt es Unterschiede in den Gehirnen von Konservativen und Liberalen. Offener für Neues sind die Liberalen, empfindlicher für Gefahren die Konservativen.
21. Wenn Sozialwissenschaften vor allem von Linksliberalen betrieben werden, dann beschäftigen sie sich verständlicherweise mit der Frage, was eigentlich an den Konservativen falsch ist.
22. Die Empfindlichkeit für Moral unterscheidet sich von Mensch zu Mensch und vor allem systematisch nach politischer Orientierung.
23. „De gustibus non est disputandum.“ Aber ich kann versuchen, mich in den anderen hineinzuversetzen. Empathie wird gebraucht.
24. Wenn Probanden aufgefordert wurden, soziale Sachverhalte zu bewerten, aber nicht nach der eigenen Moral, sondern nach einer fremden, dann zeigte sich stets relativ eindeutig: Probanden, die sich als konservativ bezeichneten oder in der Mitte ansiedelten, konnten sich gut in Linksliberale hineinversetzen, Linksliberale taten sich schwer damit.
25. Der Antrieb für Linksliberale ist die Solidarität mit den Unterdrückten. Konservative haben einen stärkeren Sinn für Leistungsgerechtigkeit, für Loyaltät, für Autorität sowie für die heilige Unantastbarkeit gewisser Dinge, etwa Ehe, Fahne, Kruzifix.
26. Eine nicht so feste Bindung an Traditionen können wir aber auch positiv bewerten. Nach dem Motto: Die alten Zöpfe sind abgeschnitten.
27. „Vermutlich ist etwa den Konservativen in Deutschland die Hymne längst nicht so heilig, wie es den Linksliberalen die Energiewende ist.“
28. Moralisches Handeln kann hochgradig schädlich sein. „Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“
29. Gibt es den Willen zur Erkenntnis der Position von anderen, dann sind Kommunikation und Verständigung möglich.
30. „Jenseits von Gut und Böse gibt es einen Ort, dort treffen wir uns.“