Christina Berndt, geb. 1969, ist seit 2000 Journalistin im Ressort „Wissen“ der SZ. Ihre Dissertation als Biochemikerin ist 2013 unter dem Titel
„Resilienz. Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft. Was stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-out“
erschienen. Es stand monatelang auf Nummer eins der Bestsellerliste Sachbuch. Frau Berndt ist eine vielfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin und Journalistin. 2016 erschien ihr Buch über
Zufriedenheit.
Sie hat sich beschäftigt mit eingebildeten Krankheiten (SZ 19./20.1.19). Ich fasse hier ihre Argumente in 15 Punkten zusammen:
1. Wenn Prominente wie etwa die Royals von ihren psychischen Problemen berichten, dann sind in kurzer Zeit die Arztpraxen überlaufen, weil viele Menschen dann bei sich selbst Ähnliches zu entdecken glauben. „Viele Leute, die gar nicht krank sind, machen sich dann unnötig viele Sorgen.“
2. Es ist eine wirkliche Errungenschaft, dass Menschen gelernt haben, über ihre Seele zu sprechen.
3. Wer aber sein Wohlbefinden einer Dauerprüfung unterzieht, dem kann es dann gar nicht mehr gutgehen, der wird etwas finden, weshalb er sich sorgen könnte.
4. Christoph Dogs, Chefarzt einer Fachklinik für psychosomatische Medizin, sagt, dass viele Arztpraxen mit Leuten vollgestopt seien, die da gar nicht hingehörten. „40 Prozent von denen sind nicht krank.“
5. Die Zahl der Menschen, die zum Psychotherapeuten gehen, hat sich nach Angaben der Bundespsychotherapeutenkammer in den letzten zehn Jahren um 50 Prozent erhöht. Mit der Folge, dass viele Patienten ein halbes Jahr auf einen Platz warten müssen.
6. Zum Teil machen Psychiater und Psychotherapeuten mit ihren Richtlinien Patienten selbst krank. Früher war es „normal“, nach dem Tod eines nahen Angehörigen lange zu trauern. Heute kann man schon nach zwei Wochen als psychisch krank eingestuft werden.
7. Wer einmal traurig, schlecht gelaunt oder antriebslos ist, braucht noch keinen Psychotherapeuten. Besser einen Freund, der ihm abends beim Bier erzählen kann, dass auch er die Symptome kennt.
8. Für den Umgang mit seelischen Konflikten kommt es auf die Resilienz an, die Widerstandsfähigkeit gegen psychische Herausforderungen.
9. In einer Zeit der Internetdoktoren und Patientenforen sprechen wir manchmal von „Cyberchondrie“ und „Morbus Google“.
10. Noch vor kurzer Zeit hielten bei „Katastrophen“ Kriseninterventionsteams die Opfer an, sich mitzuteilen (Debriefing). Das hat viele Menschen erst in die Krise getrieben.
11. „Rennen Sie nicht sofort zum Therapeuten. Da bekommen Sie im Zweifel nur eingeredet, Ihre Befindlichkeitsstörungen seien eine Krankheit.“ (Christian Dogs)
12. Eine psychische Krankheit beginnt erst dann, wenn ein Mensch nicht nur in seiner Wahrnehmung, sondern auch in seiner Funktion beeinträchtigt ist.
13. Zehnmal in der Nacht aufzuwachen ist normal, wenn man die Murmeltierphase seiner Kindheit hinter sich gebracht hat. Schwierig wird es, wenn man nicht wieder einschlafen kann.
14. Es gibt Phasen im Leben, die es einem schwer machen. Die Midlife-Crisis gibt es wirklich.
15. „Überlassen wir die Therapeuten also denen, die sie dringend brauchen.“