2257: Norbert Bolz über Vor- und Nachteile der Gruppenarbeit

Norbert Bolz, 65, war bis zu seiner Pensionierung Professor für Medienwissenschaften an der TU Berlin. Einer seiner Forschungsschwerpunkte war die Veränderung der Massengesellschaft durch Medien. Kerstin Bund hat ihn für die „Zeit“ (27.12.18) interviewt. Ich gebe hier Teile seiner Antworten wieder:

„In jeder Gruppe gibt es Schläfer und Bremser. Das lässt sich nicht verhindern. Schlimmer aber ist der Glaube, dass Menschen in Gruppen kreativer seien als allein. Teamarbeit hat ihre Stärken, ganz klar, aber wenn es um große, neue Ideen geht, ist sie absolut ungeeignet.“

„Brainstorming ist eine große Illusion. Niemand kann auf Befehl spontan sein. Die Gruppe, gerade wenn es sich um enge Bezugspersonen handelt, übt einen enormen Anpassungsdruck aus. Freies Denken ist da ein Widerspruch an sich. Nichts ist für das Nachdenken abträglicher, als wenn es im Beisein anderer stattfindet.“

„Jedes Buch, das sich zu lesen lohnt, hat ein Einzelner geschrieben, und zwar allein.“

„Teamarbeit ist ein Fetisch, ein positives Tabu, das man kaum infrage stellen darf. Sie erfüllt ja auch einen unheimlich wichtigen sozialen Zweck: Teamarbeit dient als psychologischer Kitt. Die Leute fühlen sich wohl, wenn sie in Gruppen eingebunden sind und dort Anerkennung bekommen. Das festigt den Zusammenhalt.“

„Das alles dominierende technische Modell ist das Kommunikationsnetzwerk. Wenn sich alles um Netzwerke dreht, muss auch die Arbeit des Einzelnen interaktiver werden. Dementsprechend wird alles gefördert, was der Vernetzung dient. Was übrigens den Frauen entgegenkommt, deren Stärken ja gerade Kommunikation und Vernetzung sind.“

„Schwarmintelligenz funktioniert erstaunlich gut im Internet, … Das Online-Lexikon Wikipedia ist ein Beispiel für sehr produktive Gruppenarbeit, eben weil Tausende Autoren virtuell und nicht physisch an einem Ort zusammenarbeiten.“

„Der gesellige Typ. Der US-Soziologe David Riesman hat diesen außengeleiteten Charaktertypus bereits in den Fünfzigerjahren beschrieben. Er ist der Gegenentwurf zur protestantischen Innerlichkeit. Wer kommunikationsfreudig ist, hat gute Karten.“

„Der Wirtschaftsnobelpreisträger Reinhard Selten fand heraus, dass die Bereitschaft zur Kooperation von der Zahl der Wettbewerbsteilnehmer abhängt. Sein Fazit: Vier sind zu wenige, sechs zu viele. Ein anderer berühmter Wert ist die magische Zahl sieben, plus/minus zwei, von George Miller. Demnach kann der Einzelne nur sieben verschiedene Dinge halbwegs gleichzeitig verarbeiten, höchstens neun, häufiger aber nur fünf. Auch bei der Teamgröße gibt es eine Überschaubarkeutsgrenze.“

„Im Homeoffice kann der Chef nicht so viel Druck und Kontrolle ausüben wie im Großraumbüro. Der Trend, der von Google, Facebook und Co. befeuert wird, geht ja in die entgegengesetzte Richtung: Wir arbeiten, schlafen, essen, turnen, spielen in Unternehmen und brauchen eigentlich gar kein Zuhause mehr. Die Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben löst sich auf, die beiden Welten verschmelzen.“

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