Der bekannte Evolutionsforscher Axel Meyer, 58, hat in Deutschland und in den USA Biologie studiert und 1988 in Berkeley über die Evolution von Buntbarschen promoviert. Er sieht sich in der Nachfolge seines Mentors, des berühmten Harvard-Professors
Ernst Mayr.
Seit 1997 forscht und lehrt Meyer in Konstanz. Till Hein hat ihn für die FAS (13.1.19) über die Evolution interviewt.
FAS: Viele Menschen halten die Evolutionstheorie .. für eine Irrlehre. 34 Prozent aller Amerikaner würden glauben, dass Adam und Eva auf Dinosauriern zur Kirche geritten sind, schreiben Sie in einem Ihrer Bücher.
Meyer: Das war eher als bitterer Scherz gedacht. Aber ich habe fast zwanzig Jahre in Nordamerika geforscht und kann sagen: Gerade die Vereinigten Staaten sind in vielen Regionen und Milieus in der Tat sehr religiös und antiwissenschaftlich geprägt. Viele Amerikaner nehmen die biblische Schöpfungsgeschichte wörtlich und glauben, dass die Welt tatsächlich in sieben Tagen geschaffen wurde.
…
FAS: Vielleicht folgt die Evolution ja einem übergeordneten Plan? Der britische Fossilienforscher Simon Conway Morris behauptet, der Mensch sei schon im Moment des Urknalls angelegt gewesen.
Meyer: Conway Morris ist ein sehr angesehener Paläontologe. Aber dass er sich in diesem Punkt irrt, ist unter fast allen Fachleuten Konsens. Selbstverständlich arbeitet die Evolution nicht auf die Entwicklung des Menschen hin. Wir sind ein
Zufallsprodukt,
so wie jede andere Tierart auch.
…
FAS: Lässt sich menschliches Verhalten aus der Evolution erklären?
Meyer: Ich denke, grundsätzlich ja. Der genetische Verwandtschaftsgrad sagt zum Beispiel voraus, wie groß die Weihnachtsgeschenke für Kinder ausfallen. Eltern schenken mehr als Großeltern. Und die Großeltern väterlicherseits machen weniger Geschenke als diejenigen mütterlicherweits. Denn diejenigen väterlicherseits können sich nicht ganz sicher sein, dass sie wirklich ihre leiblichen Enkel beschenken. Diese Faustregel trifft fast immer zu. Generell ist die Solidarität mit Verwandten, die einem genetisch ähnlich sind, größer als gegenüber Fremden.
Blut ist eben dicker als Wasser,
ob wir das wollen oder nicht.
…
FAS: Mutter Natur ist grausam?
Meyer: Es gibt keine „Mutter Natur“. Diese seltsame romantische Vorstellung ist eine typisch deutsche Sache und hat mit der Realität nichts zu tun. Die Schriftstellerin
Thea Dorn
hat mich unlängst darauf hingewiesen, dass diese Betrachtungsweise unter anderem auf die Lyrik von Friedrich Hölderlin zurückgeht. … Und man darf sich da nichts vormachen: Die große Mehrzahl der Arten auf dieser Erde ist längst wieder ausgestorben. Das ist das Schicksal von Arten. Ich fürchte, auch von uns.