Der US-amerikanische Journalistik-Professor Jay Rosen (geb. 1956) ist in Deutschland, um das hiesige Mediensystem zu analysieren. Er hat dazu 53 Journalisten befragt und mehrere Redaktionen besucht. Rosen spricht über den „Krieg gegen die Medien“, wie er es nennt. Ich fasse seine Äußerungen in einem Interview mit Alan Cassidy (SZ 4.1.19) zusammen, ohne die Fragen zu nennen. Wörtliche Teile sind durch Anführungszeichen gekennzeichnet.
1. Teilweise angemessen ist für Deutschland der Begriff der „Systempresse“. Er besagt, dass mediale und politische Eliten manchmal fast das Gleiche sind.
2. Schwindet dann das Vertrauen in die Politik, dann schwindet auch das Vertrauen in die Medien.
3. Medien konzentrieren sich häufig auf Intrigen und Machtkämpfe. Aber davon haben Teile der Öffentlichkeit genug, weil darin die Sorgen der Menschen nicht ausreichend berücksichtigt werden.
4. Der Wert von Journalismus besteht nicht im „Storytelling“, sondern etwa viel mehr darin, den Politikern öffentlich kritische Fragen zur Sache zu stellen.
5. In den USA ist für ein Drittel der Wähler Trump selbst heute die wichtigste Quelle von Informationen über Trump. „Dieses Drittel lebt bereits heute in einem autoritären Mediensystem.“
6. Viele von Trumps republikanischen Parteifreunden lesen zwar die „New York Times“ oder die „Washington Post“, schweigen aber zu Trumps Eskapaden.
7. Es gibt in den USA durchaus noch weitere Medien, die prinzipiell Trump-kritisch berichten und seine Schwächen aufdecken. Es fehlt ihm auch an überparteilicher Unterstützung.
8. „Der Präsident der Vereinigten Staaten ist selbst zur größten Quelle von Desinformation geworden.“
9. Bei Auslandsreisen von Trump gibt es keine Pressekonferenzen mehr.
10. Trump benutzt die Medien, um seine Anhänger aufzuhetzen.
11. Trump versucht, die Medien als Überbringer schlechter Nachrichten anzuschwärzen, etwa um zu verhindern, dass die Erkenntnisse des Sonderermittlers Robert Mueller zu Trumps Russland-Beziehungen geglaubt werden.
12. Einige US-Journalisten agierten auf Pressekonferenzen mit dem Präsidenten so, dass der Eindruck entstehen konnte, es ginge ihnen in erster Linie um ihre Eitelkeit.
13. „Der Ausweg heißt: mehr Transparenz. Journalisten sollten gegenüber ihren Lesern offenlegen: Schaut her, das ist mein Hintergrund, hier komme ich her. Und danach aufgrund hoher handwerklicher Ansprüche an Recherche und Faktentreue ihre Arbeit machen. Das ist eine Maßnahme. Eine andere ist: Redaktionen sollten gegenüber ihren Lesern klarstellen, welche Themen sie selbst für wichtig halten und ihre Berichterstattung danach orientieren, statt einfach dem Aufreger des Tages hinterherzurennen. Und eine dritte: Redaktionen sollten ihre Leserschaft besser kennen – und die Themen, die sie beschäftigen.“