2241: Wie Russland die Freiheit gewann und verlor.

Die Politologin Masha Gessen untersucht in ihrem neuesten Buch die Entwicklung Russlands.

„Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor.“ Berlin (Suhrkamp) 218. 639 S., 26 Euro.

Das ist ein Buch für die vielen Russland-Versteher in der deutschen Publizistik und in deutschen Talkshows. Masha Gessen versteht tatsächlich sehr viel von Russland. Sie ist 1967 als Jüdin in Moskau geboren und mit ihren Eltern in die USA ausgewandert, als sie 14 Jahre alt war. 1991 kehrte sie nach Russland zurück und berichtete von dort für die „New York Times“ und die „Washington Post“. 2013 verließ die führende LGBT-Aktivistin das Land wieder wegen zunehmender Repressionen gegen Homosexuelle. Sie fürchtete, dass man ihr den in Russland adoptierten Sohn wegnehmen würde.

Gessen geht es um die Gründe des Scheiterns der Demokratie in Russland in den neunziger Jahren. Mit welchen Begriffen lässt sich das Land heute fassen? Dem geht Gessen anhand von vier Biografien nach. Es treten aber auch ein Soziologe und eine Psychoanalytikerin auf. Gessens Schlüsselbegriff für das Verständnis Russlands ist Totalitarismus. Das ist  bedenklich; denn der u.a. von Hannah Arendt in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951) entwickelte Begriff bezieht sich ja auf den

Stalinismus und auf den Nationalsozialismus.

Und diese beiden waren hauptsächlich gekennzeichnet durch den Massenmord

(Archipel Gulag und Holocaust).

Insofern taugt Totalitarismus nicht ganz für die Analyse des gegenwärtigen Russlands. Gessen verwendet aber auch „Kleptokratie“ und „postkommunistischer Mafiastaat“. Damit verbunden sind die Beschwörung der nationalen Größe, Gewalt gegen Andersdenkende, Schaffung von inneren und äußeren Feinden zur Mobilisierung der Gesellschaft und aggressive Annektionen.

Für Gessen ist der „Homo Sovieticus“ nicht ausgestorben. Und Putin und seine Entourage mussten Russland nur übernehmen. Was weiter funktionierte war der mächtige

Geheimdienst.

Gessen versucht zu verstehen, warum die Ukraine im Vergleich zu Russland so viel freier ist? Oder liegt es wie bei Westdeutschland nach 1945 hauptsächlich daran, dass die Befreiung mit einem wirtschaftlichen Aufschwung verbunden war? In Gessens Buch werden zentrale sozial- und geisteswissenschaftliche Erklärungsmodelle für die Entwicklung Russlands diskutiert. Gegenwärtig sieht die Wissenschaftlerin eine zunehmende Hetze gegen Homosexuelle – im russischen Diskurs gleichgesetzt mit Pädophilie – sich unter Putin zum integralen Bestandteil der nationalen Ideologie entwickeln und gesetzlich verankert zu werden.

(Barbara Kerneck, taz 8./9.12.18; Franziska Davies, SZ 10.12.18)

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.