2224: Wie Sigmund Freud zum Frauenfeind wurde.

Über Sigmund Freud sind unzählige Bücher geschrieben worden. Zuletzt 2016 von André Alt. Nun legt der US-amerikanische Psychoanalytiker Joel Whitebook eine neue Biografie vor:

Freud. Sein Leben und Denken. Klett-Cotta, 559 S., 32 Euro.

Als Nicht-Analytiker kann ich möglicherweise nicht alles beurteilen, stelle aber fest, dass Whitebook unterhaltsam sein möchte, er formuliert meistens zupackend. Und er bezieht sich häufig auf die „kritische Theorie“ (Horkheimer/Adorno). Alan Posener hat ihn für die „Literarische Welt“ (8.12.18) interviewt.

Lit W: Jeder kennt das Zitat. „Wenn man der unbestrittene Liebling seiner Mutter gewesen ist, so behält man fürs Leben jenes Eroberungsgefühl, jene Zuversicht des Erfolgs, welche nicht selten den Erfolg nach sich zieht.“ So Sigmund Freud. Und jeder glaubt, er spreche von sich.

Whitebook: Freud hat ein idealisiertes Bild seiner Mutter überliefert, das seine Anhänger unkritisch übernommen haben. Er war aber nicht der ‚Gold-Sigi‘ dieser warmherzigen, schönen Mutter, sondern hatte ein schwieriges Verhältnis zu ihr. Sie war eine schwierige, fordernde, narzisstische Frau.

Lit W: Sie schreiben sogar: depressiv.

Whitebook: Nach dem Tod des jüngeren Bruders, Sigmund war da erst 18 Monate alt, zieht sie sich völlig zurück. Damals hat Freud die Mutter verloren, psychologisch gesehen. Wenig später wird seine geliebte tschechische Kinderfrau gefeuert. Das sind zwei schwere Verluste in früher Kindheit.

Lit W: Sie charakterisieren Freud als phallogozentrisch.

Whitebook: Das ist ein etwas preziöser französischer Begriff, der von

Jacques Derrida

stammt und von den psychoanalytischen Feministinnen übernommen wurde. Aber er ist zutreffend. Wie reagiert Freud auf die Traumata seiner frühen Kindheit? Mit einer verfrühten Ichentwicklung. Das ist oft der Fall bei Kindern, die in einer traumatisierenden Kindheit leben: Sie müssen zu schnell erwachsen werden. Sie müssen die Zauberjahre hinter sich lassen und werden zu rational, zu vernünftig, zu verantwortlich. Bei Freud war das so. Phallogozentrisch also, weil er Werte hochielt, die wir oft als männlich bezeichnen: Rationalität, Selbstbeherrschung, Mangel an Emotionalität und vor allem Unabhängigkeit, aus der Freud fast einen Fetisch machte. Im Umkehrschluss hat er Eigenschaften abgewertet, die er für weiblich hielt: Emotionalität, Charakterschwäche, Abhängigkeit, blablabla – all die Stereotypen, die seine Frauenpsychologie durchziehen. …

Freud hat die Erfahrungen seiner ersten drei Lebensjahre verdrängt, ja abgespalten. Die klassische ödipale Theorie gründete also auf der Erfahrung von Kindern, die älter als drei Jahre sind, die bereits ein Ichgefühl haben, Mutter und Vater und die Unterschiede der Geschlechter kennen, sexuelles Verlangen, Schuld, Aggression und so weiter erleben. Da gibt es allerlei Fantasien des Loslassen: den Vater töten und mit der Mutter schlafen etwa. Nach dem Ersten Weltkrieg kommen mit der „präödipalen Wende“ der Psychoanalyse die ersten drei Jahre in den Blick. Das sind die Jahre der Ichentwicklung. Da geht es um Trennung und Verlust, Herausbildung des Sebstgefühls und so weiter. Die Art des Loslassens in der Musik – etwa bei Richard Wagners „Tristan“ – ist aber Auflösung des Selbst, Sirenengesang, Illusion, Narkose.

Adorno und Horkheimer

sagen in der „Dialektik der Aufklärung“, dass wir uns durch die gesamte Zivilisation hindurch nach dieser Glückseligkeit sehnen und doch vor dieser Aufgabe des Selbst eine Höllenangst haben.

Lit W: Wenn aber der Begründer der Psychoanalyse ein phallogozentrischer Neurotiker ist, der die schmutzigen Geheimnisse des bürgerlichen Lebens als schmutzige Frauenfantasien ausgibt – was sagt er uns, die wir nicht zuletzt die Kinder der sexuellen Revolution von 1968 sind, im sexuell emanzipierten Berlin des Jahres 2018?

Whitebook: Ohne Freud hätte es weder 68 gegeben, noch gäbe es ihr Berlin 2018. Bei allem Respekt: Ich kenne die Argumente gegen Freud besser als Sie. Es gibt Dinge bei Freud, über die man sich als Analytiker fremdschämt. Ich könnte Ihnen auch die Begrenztheit und Problematik Kants und Platons aufzählen. Es geht nicht darum, dass Freud begrenzt war, sondern darum, wie weit er trotzdem ging. Große Denker sind nicht einfach im Recht oder im Unrecht. Sie geben uns eine Schatzkammer von Bedeutungen, zu der wir immer wieder zurückkehren. …

Lit W: Eine letzte Frage: Es gibt bei den Psychpathologien Wellen. In Freuds Jugend war die

Hysterie

die Krankheit der Wahl, nach Freud waren es die

Neurosen.

Was ist die Krankheit unserer Ära?

Whitebook: … Die Veränderung der Familienstruktur weg von der klassischen autoritären, bourgeoisen Familie hin zu eher permissiven Strukturen und die direkte Formung des Über-Ich durch die Medien, von der die Frankfurter Schule sprach: Das muss doch andere Charaktertypen hervorrufen und damit auch andere Pathologien. Wir reden also heute viel vom

Narzissmus.

Lit W: Wie man es macht, ist es falsch. Ist man zu streng, zieht man kleine Neurotiker heran, ist man zu lasch, kommen Michael Winterhoffs narzisstische „kleine Tyrannen“ heraus.

Whitebook: Freud hat ja gesagt, dass die Elternschaft ein unmöglicher Beruf sei. Es ist nun einmal so, dass man den Mittelweg zwischen Bedürfnisbefriedigung und Grenzsetzung finden muss. Die Leute haben ja auch deshalb so viele Probleme mit Freud, weil er weder autoritär noch libertär ist. Die Autoritären hassen ihn, weil sie ihn für einen Befürworter der Libertinage halten, und die Antiautoritären mögen ihn nicht, weil sie ihn für einen autoritären Patriarchen halten. Ihn zu verstehen verlangt eine gewisse Toleranz gegenüber der Komplexität und der Unbestimmtheit. Unsere Gesellschaft fördert aber nicht gerade das komplexe Denken. Das ist ein Grund, warum die Psychoanalyse in Verruf geraten ist.

 

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