Demnächst jährt sich der Todestag des großen österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard zum 30. Mal. Er hat ein Werk hinterlassen, das in der deutschen Literatur einzigartig ist in seiner schonungslosen Kälte, seiner sprachlichen Virtuosität und seiner radikalen Weltanklage. Thomas Bärnthaler hat Peter Fabjan, den Halbbruder Bernhards und dessen Nachlassverwalter, einen 81-jährigen ehemaligen Internisten, zu dem Schriftsteller interviewt (SZ Magazin 7.12.18).
SZ Mag: Lässt sich Bernhards Werk, das eine große Weltanklage war, auch als Rache an der vermeintlich lieblosen Mutter lesen, wie die Literaturkritikerin Sigrid Löffler einmal nahelegte?
Fabjan: Sie sieht das zu einfach. Für die Mutter war der Thomas, vor allem in der Kriegszeit, wo sie mit uns Kindern allein war, zum Problemkind geworden. Ständig war er weg, schwänzte die Schule oder flüchtete zum Großvater ins benachbarte Ettendorf. Sie war mit ihm überfordert, nicht lieblos. Unsere Mutter hat wohl auch Angst gehabt, dass Thomas ihre Ehe mit ihrem zehn Jahre jüngeren Mann belastet. Unser Vater hätte früher begreifen müssen, dass der Bub mehr Zuwendung als seine eigenen Kinder braucht. Der Thomas hat sein ganzes Leben nach einem Vater gesucht.
SZ Mag: Sein leiblicher Vater, Alois Zuckerstätter, nahm sich 1940 in Berlin das Leben, da war Ihr Bruder neun Jahre alt. Hatte es vorher Versuche gegeben, die beiden zusammenzubringen?
Fabjan: Nein. Er hatte ja die Vaterschaft bestritten, weil er wusste, dass er sonst Unterhalt zahlen muss. Er ging nach Deutschland und wechselte ständig den Arbeitsplatz, zeitweise lebte er in Frankfurt an der Oder, wo er geheiratet hat und Vater einer Tochter wurde. Da war er aber schon Alkoholiker.
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SZ Mag: Wie war Ihr Bruder, wenn er die Rolle des Misanthropen einmal beiseitelegte?
Fabjan: Er war in jeder Gesellschaft der Mittelpunkt. Er konnte, war er in Stimmung, blendend unterhalten. Einmal gab er eine Lesung, und hinterher stellte man fest: Das, was er gerade eine Stunde vorgelesen hatte, stand in keinem Buch, hatte er improvisiert. Das Blödeln und Assoziieren war auch so eine Art, sich die Gesellschaft vom Leib zu halten.
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SZ Mag: Wie hat sein lebenslanges Kranksein sein Schreiben beeinflusst?
Fabjan: Die Todesgewissheit hat ihn getrieben. Elfriede Jelinek hat gesagt, man spüre beim Lesen seiner Bücher, dass ihm die Zeit davonläuft.
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SZ Mag: 1988 kam es zur Premiere seines letzten Stückes ‚Heldenplatz‘, einer bitteren Abrechnung mit der Nazivergangenheit Österreichs, zu einem landesweiten Skandal.
Fabjan: Als ich damals mit ihm durch Wien gegangen bin, sind Leute auf uns zugekommen und haben ihn beschimpft. Frauen sind mit dem Schirm auf ihn los, andere haben ihn angespuckt, da war er schon so schwach, dass er kaum mehr gehen konnte. In dieser elenden Zeit, in der alle auf ihn eingeprügelt haben, vor allem die Regierung und der Boulevard, hat sich kein Vertreter des Staates schützend vor ihn gestellt.