2209: Bernardo Bertolucci ist tot.

Bernardo Bertolucci (geb. 1941) ist tot. Er war der Regisseur von Filmen wie „Der große Irrtum“ (1970), „Der letzte Tango in Paris“ (1972), „1900“ (1976), „Die Tragödie eines lächerlichen Mannes“ (1981) und „Der letzte Kaiser“ (1987). Der letzte gewann neun (9) Oscars. Der Marxist Bertolucci kam Zeit seines Schaffens nicht von seinem Vater los, einem berühmten Lyriker, und vom Thema 1968. Dies hat die Bandbreite seiner Werke auch eingeschränkt. Bertolucci überließ vieles beim Drehen der Spontaneität. So entstanden mehrdeutige Werke. Sein Stil war häufig opernhaft, romantisch (Doppelgängermotiv) und kannte Frauen meist nur als Nebenfiguren. Heute unmöglich. Bertolucci kam damit bis nach Hollywood.

Bertolucci startete als Lyriker, der sogar Preise gewann. Bei Pier Paolo Pasolini war er Regieassistent bei dessen Erstling „Accatone“ (1970). Sein großes Vorbild Jean-Luc Godard erreichte er nach eigenem Bekunden nie. Als er Godard seinen Film „Der große Irrtum“ (1970) zeigte, hatte dieser gerade „Le Mépris“ (beide Filme nach Alberto Moravia) abgedreht. Godard drückte Bertolucci einen Zettel in die Hand. Darauf stand: „Du musst gegen Individualismus und Kapitalismus kämpfen.“ Bertolucci begann eine lebenslängliche Psychoanalyse. Am Ende seines Lebens saß er auf Grund einer missglückten Rückenoperation im Rollstuhl.

Bertolucci machte eine internationale Karriere. Er kam ans große Geld und wurde zum Vorbild etwa für Paul Schraders „American Gigolo“ (1980). Sein Kameramann Vittorio Storaro drehte mit Francis Ford Coppola „Apocalypse Now“ (1979). Darin hat bekanntlich Marlon Brando (1924-2004) eine große Rolle als Colonel Kurtz. Mit Bertolucci hatte er 1972 „Der letzte Tango von Paris“ gedreht, einen Skandalfilm, in dem Brando als alter Mann für Anarchie und Freiheit steht. In einer leeren Pariser Wohnung drängt er einer jungen Frau, Maria Schneider, einen Geschlechtsverkehr auf. Er schmiert ihr Butter in den Hintern und penetriert sie. Bertolucci und Brando drohten Haftstrafen. Ich vergesse nicht die Aufregung, die der Film 1972 machte, als ich ihn in Paris sah. In der „Me Too“-Bewegung hieß es 2016, zwei alte Männer hätten Maria Schneider im Film vor laufender Kamera eine Vergewaltigung zugemutet. Frauen zeigten sich angewidert und forderten den Regisseur auf, seine Oscars zurückzugeben. Das bestimmt gegenwärtig das Bild, das in der Öffentlichkeit von Bernardo Bertolucci gezeichnet wird (Fritz Göttler, SZ 27.11.18).

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