2204: Stephan Lebert: Der Riss durch die deutsche Gesellschaft

Der Schriftsteller Stephan Lebert, geb. 1961, spricht über sein Deutschland, das ihm heute sehr gespalten vorkommt (Die Zeit, 8.11.18). Ich fasse das in zehn Punkten zusammen:

1. Leberts Blick auf Deutschland war geprägt von „Unsicherheit und Misstrauen, von dem Gefühl, es liegt unter der Oberfläche etwas Böses und Gefährliches, und wenn man nicht aufpasst, kommt es wieder zum Vorschein.“

2. Solche Zweifel nennen Konservative „deutschen Selbsthass“.

3. „Wir waren anders als andere Länder. Wir waren geschichtsbewusster, vielleicht auch demokratischer. Wir waren vorsichtiger, distanzierter, vielleicht auch verklemmter.“

4. In seinem Freundeskreis registrierte Lebert, wie aus dem Zweifel „Selbstgefälligkeit“ wurde. „Mein Deutschland, schon ziemlich in Ordnung.“

5. „So entsteht das Gegenteil von Vielfalt, von Diversität, dem Zauberwort der modernen Welt.“

6. Auf einem „Rammstein“-Konzert beobachtete Lebert Fans. „Ihre Gesichter waren übervoll von Hass. Sie waren wütend – auf irgendetwas wütend, das mit ihrem Leben zu tun haben musste, und die Heavy-Metal-Musik von Rammstein mit den provokanten Texten war für sie ein Kanal, diese Wut, diesen Zorn endlich rauszulassen“.

7. Nach dem Leipziger Disput von Durs Grünbein und Uwe Tellkamp äußerte der Rechts-Verleger Götz Kubitschek, dass der Riss, der durch diese Gesellschaft gehe, nicht nur wichtig und richtig sei, „sondern dieser Riss müsse noch viel tiefer werden“.

8. Der ehemalige Kanzlerkandidat der SPD und nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau sagte 2004: „Wenn Sie ein Haus bauen würden auf Spiekeroog oder am Chiemsee und Sie würden nur Steine aufeinanderlegen, wunderbare Steine, und es kommt ein Sturm, ist das Haus weg. Sie brauchen Mörtel, der das Haus zusammenhält. So wie eine Gesellschaft mehr braucht als Kapital und Arbeit. Wir brauchen mehr als Bilanzen und Shareholder-Value, mehr als Gewinn-und-Verlust-Rechnungen. Wir brauchen etwas, was die Menschen zusammhält. Das nennen Christen Nächstenliebe. Das nennt die Arbeiterbewegung Solidarität. Das nennt Martin Luther King ‚compassion‘. Und ich nenne das den Mörtel, der das Haus zusammenhält. Und davon ist bei uns zu wenig vorhanden.“

9. „Angela Merkel hat denen den Weg bereitet, die heute verkünden, dass es doch egal ist, wer von den Apparatschiks im Bundestag regiert.“

10. „Es ist nicht egal, wer im Parlament regiert. Es ist gefährlich, das Zentrum der deutschen Politik als einen Ort abzustempeln, an dem die Macht sich nur noch selbst genügt. Der Blick zurück wird mein Gefährte bleiben, zur Erinnerung daran, wie fragil dieses Land ist. Und noch ein Puzzleteil: wie wichtig es ist, sich zu prüfen, wie weit es schon wieder mit der eigenen Selbstgefälligkeit gekommen ist, wenn man sich immer auf der richtigen Seite wähnt.“

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