2200: Friedrich Ebert – zu wenig gewürdigt

Die politische Stiftung der SPD heißt Friedrich-Ebert-Stiftung. Viele Straßen und Plätze sind nach dem Politiker benannt. Und doch ist das Bild des ersten Reichspräsidenten in der öffentlichen Wahrnehmung eher blass und unscharf. Wie ist das möglich? Einen ersten Hinweis bekommen wir, wenn wir uns vor Augen führen, dass Ebert von der deutsch-nationalen Rechten als „Landesverräter“ und von den Kommunisten als „Arbeiterverräter“ bezeichnet wird. Wen die Extremisten von rechts und links so verunglimpfen, der hat wahrscheinlich tatsächlich seinen Platz in der poltischen Mitte gehabt.

Eberts politische Karriere war kurz. Er rückte erst 1918 bei der Novemberrevolution ins Rampenlicht und starb bereits 1925, viel zu früh für die erste deutsche Demokratie. Der 1871 geborene Ebert war Sattler. Nach seiner Gesellen-Wanderschaft schloss er sich 1889 der SPD an. 1891 kam er für vierzehn Jahre nach Bremen, wo er seine politische Karriere startete. 1905 ging er in den Parteivorstand. Nach August Bebels Tod 1913 wurde er einer der beiden Parteivorsitzenden (neben Hugo Haase vom linken Parteiflügel). Als Haase während des Krieges zur USPD wechselte, wurde Friedrich Ebert die unumstrittene Nummer eins der SPD. Er musste nicht nur seine Partei, sondern auch das Land am Kriegsende und durch die Revolution führen. Er suchte dazu den Ausgleich mit der Reichswehr, was einige ihm bis heute vorwerfen.

Eberts noch verbliebener stärkster Konkurrent, der Fraktionsvorsitzende Philipp Scheidemann, ein brillanter Parlamentarier, unterschätzte Eberts Stärken. Sein organisatorisches Talent, sein taktisches Geschick und sein strategisches Kalkül, vor allem aber seinen ausgeprägten Machtinstinkt. Sie machten Ebert so erfolgreich. Er war nicht brillant und er war kein Freund der russischen Revolution von 1917. „Wer die Dinge in Russland erlebt hat, der kann im Interesse des Proletariats nicht wünschen, dass eine solche Entwicklung bei uns eintritt. Wir müssen uns im Gegenteil in die Bresche werfen, wir müssen sehen, ob wir genug Einfluss bekommen, unsere Forderungen durchzusetzen und, wenn es möglich ist, sie mit der Rettung des Landes zu verbinden, dann ist es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, das zu tun.“

Die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann empfand Friedrich Ebert als verfrüht. Er selbst wurde Reichskanzler. Den Gedanken der Räterepublik bekämpfte er, wo er konnte. Es ist nicht klar, wie so intelligente und informierte Publizisten und Ebert-Kritiker wie

Sebastian Haffner: Der Verrat. 1979 (zuerst als „stern“-Serie 1969) und

Klaus Gietinger: Eine Leiche im Landwehrkanal. 1995,

nicht erkennen konnten, dass in Russland die Bolschewiki das Modell der Räte nur dazu genutzt hatten, um eine stalinistische Diktatur (1929-1956) zu errichten. Nach dem Ende der DDR ist die Kritik an Friedrich Ebert und seinem Pakt mit der Reichswehr leiser geworden. Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles hat es bei dem Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs in diesem Jahr ausgesprochen, dass vermutlich der Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) verstrickt war in die Machenschaften, die Anfang 1919 zur Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts geführt hatten.

Im gemeinsamen Aufruf der revolutionären Obleute, der USPD und der KPD zum Generalstreik am 9. Januar 1919 hieß es, Ebert und Scheidemann gehörten „aufs Schafott“. „Gebraucht die Waffen gegen eure Todfeinde, die Ebert-Scheidemann!“

Tatsächlich ist es nach 1918 ja nicht zur Vergesellschaftung der Wirtschaft gekommen. Auch ein Wort der Entschuldigung von der Reichsregierung zum Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht blieb aus. Bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 war die Weimarer Republik stabil. Dann haben ihre Gegner, die Nazis und die Deutsch-Nationalen, sie beseitigt. Friedrich Ebert war keine schillernde Persönlichkeit und kein Volkstribun. Er war „kein Liebling des Volkes, kein Begeisternder und ein spät Begeisterter“ (Joseph Roth). Er war ein seriöser Politiker und hat sich um die erste deutsche Demokratie verdient gemacht (Bernd Braun, Die Zeit 15.11.18).

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