2162: Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Hans Magnus Enzensberger

Ingeborg Bachmann (1926-1973) fasziniert heute immer noch. Als Frau, als Lyrikerin, als Muse, als Partnerin berühmter Künstler und Schriftsteller. Schon im Briefwechsel mit Paul Celan (1920-1970), der vor zehn Jahren erschien (Suhrkamp, 399 S.), wurde klar, dass Bachmann den Zeitgeist genau reflektierte. Das war anscheinend auch in ihrer Arbeits- und Freundschaftsbeziehung zu Hans Werner Henze (1926-2012) und in ihrem intellektuellen Austausch mit Uwe Johnson (1934-1984) der Fall. Nun ist ihr Briefwechsel mit Hans Magnus Enzensberger (geb. 1929) erschienen:

Ingeborg Bachmann/Hans Magnus Enzensberger: „schreib alles was wahr ist auf“. Der Briefwechsel. Herausgegeben von Hubert Lengauer. Piper, Suhrkamp 2018, 479 S., 44 Euro.

Die Beiden waren zwei mit Ruhm überhäufte Lyriker der fünfziger und sechziger Jahre.  Sie sind sich auch menschlich sehr nahe gekommen („auf dem rückweg habe ich einen ort gesehen, da sollten wir uns ein haus kaufen … dort weiß niemand wer wir sind“/“grüße an deine wimpern“), haben es aber geschafft, dass sie Freunde bleiben konnten. Kennengelernt hatten sie sich 1955 bei der Gruppe 47. Sie hielten im Briefwechsel weithin Abstand. Er wirkt wie eine Folge präziser Momentaufnahmen, in denen aber auch Ingeborg Bachmanns Zauber, ihre Verspieltheit, ihr Alleinsein und ihre Angst vorkommen. Der Band ist der dritte der von Suhrkamp und Piper gemeinsam getragenen Werkausgabe, der „Salzburger Edition“. Der erste Band „Male oscuro“ war ein Paukenschlag, der zweite „Buch Goldmann“ eine editorische Preziose.

Max Frisch (1911-1991), mit dem Bachmann von 1958 bis 1962 zusammenlebte, der Buhmann ihrer Martyrologie, spielt hier keine Hauptrolle, er bleibt eine Randfigur. In „Mein Name sei Gantenbein“ (1964) hatte Frisch einige der Männer, auf die er in seinen vier Jahren eifersüchtig war, in literarische Figuren gekleidet. Der Roman hatte Ingeborg Bachmann zu Tode verletzt. Kann sein, dass auch Hans Magnus Enzensberger darin vorkommt. Etwa als Verfasser der „dänischen“ Briefe, welche die Schauspielerin Lila vor Gantenbein versteckt hält.

Ingeborg Bachmann hatte Hans Magnus Enzensberger verzaubert und durch eine einzige Begegnung lebenslänglich an sich gebunden. In dem Briefwechsel ist von Büchern die Rede, von Filmprojekten, dem gescheiterten Plan einer europäischen Literaturzeitschrift, von Bachmanns Tablettensucht, ihrer Trennung von Max Frisch, ihren Zusammenbrüchen. In Enzensbergers Zeitschrift „Kursbuch“, einer partiell sehr politischen Zeitschrift, konnten 1968 vier Gedichte von Ingeborg Bachmann erscheinen (Andreas Kilb, 21.10.18).

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.