Hans Brügelmann ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft und Mitautor des „Faktenchecks Grundschule“, eines Überblicks über Forschungsbefunde zu pädagogischen Streitfragen. Kaija Kutter hat ihn für die „taz“ nach Hausaufgaben befragt (1./2.9.18).
taz: Können Hausaufgaben Schülern auch schaden?
Brügelmann: Es gibt zwei Risikolagen. Das eine Kind kommt nach Hause, wo der Haushalt chaotisch ist, und es keinen Platz hat, um sich in Ruhe um die Hausaufgaben zu kümmern, und wo es keine Hilfe bekommt. Für diese eher vernachlässigten Kinder sind Hausaufgaben eine Falle, weil sie sie nicht erledigen können.
taz: Das andere Risiko?
Brügelmann: Das sind die sogenannten Helikopter-Eltern. Ihr Kind kann über Hausaufgaben nicht lernen, selbständig zu arbeiten. Denn Mama oder Papa erledigen das oder kontrollieren so stark, dass das Kind eine Abwehr entwickelt. Auch ihnen hilft die Hausaufgabe nicht. Was der Schulsenator erreichen will, dass die Kinder lernen, selbständig zu lernen, können Hausaufgaben für diese beiden Gruppen nicht leisten.
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taz: Fördern Hausaufgaben soziale Ungerechtigkeit?
Brügelmann: Ja. Eltern, die selbst Abitur haben, können ihren Kindern meist besser helfen als Eltern mit Hauptschulabschluss. Die einen haben Bücher und einen ruhigen Schreibtisch zu Hause, die anderen nicht.
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taz: Müsste es nicht heißen, nach 16 Uhr ist richtig schulfrei, keine Hausaufgaben?
Brügelmann: Ja. Wenn wir uns überlegen, dass Kinder sonst einen längeren Arbeitstag haben als erwachsenen Arbeitnehmer, müsste es so sein. Wobei bestimmte Erkundungsaufgaben wie zum Beispiel ‚Interview mal deine Nachbarn zu dem und dem‘ noch möglich sein müssten.