2017 wurde das New Yorker Metropolitan Museum in einer Pettition aufgefordert, das Gemälde „Träumende Thérèse“ von Balthus abzuhängen (vgl. hier die Nummern 1813, 1855, 1866,1899). Darauf ist ein sehr junges Mädchen sexuell aufreizend zu sehen. Nun ist das 1938 gemalte Bild Teil der Balthus-Retrospektive in Basel. Wie kann es zu diesen verschiedenen Wahrnehmungen kommen?
„Das hat mit veränderten Sehgewohnheiten in Zeiten der Digitalisierung zu tun. Seit es Tablets und soziale Medien gibt, werden Kunstwerke, Werbung, Pornos, Privatfotos auf denselben Bildschirmen angeschaut, auf die gleiche Weise wahrgenommen. Warum sollte man für die Kunst dann aber andere Maßstäbe gelten lassen als im täglichen Leben, sollte ihr die Freiheit der Fantasie lassen? Nein, auch hier greift in den Augen mancher Betrachter die ‚Me Too‘-Debatte, die Museen nun sogar eine Vorbildfunktion abverlangt. Im Fall von Balthus gab es Stimmen, die sagten, Kunst sei immer nur ein Privileg weniger gewesen, die damit ihre Sicht der Welt für sakrosankt erklärt und zum Nachteil anderer durchgesetzt hätten.“ (Wolfgang Ullrich, SZ 8./9.18)
Hanno Rauterberg hat darüber ausführlich geschrieben (Die Zeit, 9.8.18). Er berichtet davon, dass Museumsdirektoren bald davor zurückschrecken könnten, „schwierige Werke“ zu erwerben. Marion Ackermann, die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, meint: „Es gibt Tendenzen zur Prüderie und Rückschritte in der Emanzipation. In diesen Entwicklungen zeigt sich, dass wir in einer Welt der Verbote und Tabuisierungen leben.“
Rauterberg: „Kunst war Aufbruch, Aufbruch war Befreiung, und so hatte die Kunst notwendig schrankenlos zu sein. Dieser Glaubenssatz trug die meisten Künstler der Moderne und rechtfertigt bis in die Gegenwart hinein, dass Museen errichtet, Hochschulen betrieben, Preise ausgelobt werden.“
„Wenn die Freiheit der Kunst bedroht war, dann zumeist von klerikalen Kreisen, die blasphemische Äußerungen unterbinden wollten, oder von konservativen Parteien, die gegen alles Unsittliche und Unzüchtige protestierten. Dieser Protest trat im Namen der Mehrheit auf, im Namen der Gesellschaft, und damit waren die Fronten klar gezogen. Nun aber sind es nicht Staat und Obrigkeit, die der Kunst strengere Grenzen setzen wollen. Es sind Kräfte, die sich selbst oft als links und progressiv begreifen und über Jahrzehnte für die Liberalisierung der Künste eingetreten waren.“
„Die neue Mittelklasse, für Vegetarismus und Veganismus besonders empfänglich, ist ebenso gegen Tierversuche und jedwede Einschränkung von Tierrechten. Den Kunstrechten steht sie jedoch im Zweifelsfall skeptisch gegenüber. Wichtiger als der Schutz des künstlerischen Werks ist der Schutz des Publikums vor den Zumutungen des Künstlers.“
„Verstehen lässt sich die Krise der Kunst vor allem als Krise des Liberalismus. Schließlich verdankt sich die freie Kunst ursprünglich einer liberalen Geisteshaltung. Es war die Kunst, die dem Individuum eine größtmögliche Autonomie zugestand, damit sie sich selbst und womöglich eine höhere Wahrheit finde und auf diese Weise die Gesellschaft zu eigener Freisinnigkeit anregen könne.“
„Nicht die Fixierung auf feste Identitäten war die Bestimmung dieser liberalen Kunst, vielmehr zog sie alle und alles hinein in ein Spiel befreiender, universell gemeinter Wandelbarkeit.“
„Doch längst haben sich diese Verheißungen diskreditiert, weil sich der Liberalismus diskreditiert hat. Er sei ‚gescheitert, weil er gesiegt hat‘, schreibt der Politologe Patrick Deneen in einer jüngst erschienen Studie. Je erfolgreicher der Liberalismus wurde, desto stärker habe er seine ‚inneren Selbstwidersprüche‘ offenbart. Eine politische Philosophie, die aufgebrochen war, für größere Gleichheit zu sorgen, ein pluralistisches Gewebe verschiedener Kulturen und Überzeugungen zu verteidigen, die mesnchliche Würde zu schützen und die Freiheit zu erweitern, habe in Wahrheit zu ‚titanischer Ungleichheit‘ geführt, ‚zu materiellem und geistigem Verfall‘ und einer Unterhöhlung der Freiheit.“
Siehe: Hanno Rauterberg: Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus. Berlin (Suhrkamp) 2018, 141 S., 14 Euro.