2101: Grüne Politik – staatsoffiziell

Thomas E. Schmidt hat in der „Zeit“ (2.8.18) ein Modell entwickelt, mit dem der Aufstieg der „neuen Mittelklasse“ und ihr Kampf gegen rechts ebenso erklärt werden kann wie der Aufstieg der Rechtspopulisten und Rassisten. Zugrunde liegt die „Drei-Drittel-Gesellschaft“ (Andreas Reckwitz, Frankfurt/Oder). Bestehend aus der neuen Mittelklasse, der alten Mittelklasse und der neuen Unterklasse (vgl. hier 1761 vom 18.11.17 und 1826 vom 4.1.18). Die letzteren beiden sind Absteiger.

Die alte Mittelklasse ist von mittleren Bildungsabschlüssen gekennzeichnet (Handwerker, Angestellte, Facharbeiter) und findet sich überwiegend in Kleinstädten.

Die neue Unterklasse besteht aus den Verlierern der Bildungsexpansion. Ihre Berufe sind unattraktiv, die Ernährung ungesund, die Körper dick, die Erziehung der Kinder anregungsarm.

Die neue Mittelklasse dagegen ist akademisch ausgebildet, polyglott, kosmopolitisch (Anhänger der Globalisierung), ökologisch eingestellt und vertritt die Werte der Selbstverwirklichung. Sie macht gegen rechts mobil. Hier finden sich viele Grüne.

Für Thomas E. Schmidt ist „der Kampf um Demokratie in Wirklichkeit ein Abwehr- und Selbstverteidigungsgefecht gegen die alte Mittelklasse, die sich noch daran erinnert, was ein Blaumann ist, und sich in einer gegenderten Sprache nicht ausdrücken kann.“ Die neue Mittelklasse lege die Zukunft in einem Sinn aus, der Zweifel, Angst und Melancholie ausschließt, „stattdessen noch mehr Integration und Partizipation fordert, mehr Europa und mehr Feminismus, eine noch gesündere Lebensführung, den korrekten Sex, mehr Plattform-Ökonomie, weniger Kohleverstromung.“

Laut Schmidt hat sich der Staat der grünen Erzählungen (Narrative) als Wahrheitsagentur angenommen und sich als Modernisierer positioniert. Das gehe heute weit über die Grünen hinaus und in mehrere Parteien hinein. „Seither ist der Kern grüner Politik staatsoffiziell – auch wenn das letztlich ganz andere Parteien verantworten, …“

„Dass sich die Grünen 1980 entschlossen, eine Partei zu werden, gehört zu den wirklich bedeutenden Zäsuren in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Grünen setzten ein Muster: Seither fließen Kritik und Protest, individualisierte Freiheitlichkeit und ökologische Sorge, das Achtundsechziger-Erbe und die Experimente mit Lebensformen, sämtliche Fermente kultureller Modernisierung ins parlamentarische System ein.“

„Es gibt darin kein kulturelles Außen mehr, und die Rechte bildete sich in einer Leere ohne Ideenregime, ohne Leitfiguren und Vorbilder, was ihr heute die Möglichkeit eröffnet, sich antiautoritär zu gerieren, die Protestformen von Achtundsechzig zu übernehmen und sich als eine Bereicherung des parlamentarischen Systems auszugeben. Ist jemand daran ’schuld‘? Eher ist es der Preis für eine ziemlich gute deutsche Politik.“

W.S.: Die Analyse von Thomas E. Schmidt stimmt.

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