2099: Klaus Wildenhahn tot

Der größte deutsche Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn ist tot. Im Alter von 88 Jahren starb er in Hamburg. Weil Wildenhahn auch als Lehrer (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, dffb, 1968-1972) und Buchautor größte Verdienste hatte, dürfen wir ihn als den größten Kenner des Dokumentarismus betrachten. In seinem Buch

„Über synthetischen und dokumentarischen Film. Zwölf Lesestunden.“ Berlin 1973, 231 S.,

explizierte er seine Begriffe von

synthetischem, poetischem und dokumentarischem Film.

„Objektivität hat seit Beginn der dokumentarischen Filmarbeit nie existiert. Jeder nennenswerte Dokumentarist ergreift Partei in seinem Produkt, durch sein Produkt“ (S. 71). Auch wenn die Konstruktivisten unter den Filmemachern wie Peter Krieg („Septemberweizen“) dies später weiterentwickelt haben, hat Klaus Wildenhahn die Grundlagen für das heute noch gültige Verständnis von Objektivität im Dokumentarismus gelegt. Er wäre heute ein klassischer Gegner der Rechtspopulisten.

Wildenhahn hatte sich an den Klassikern des Dokumentarismus Robert Flaherty („The Men of Aran“), John Grierson („Drifters“), Joris Ivens („Borinage“), Dsiga Vertov („Der Mann mit der Kamera“) und Jerzy Bossak („Requiem für 500.000“) geschult, den wir 1981 bei den polnischen Filmtagen in Göttingen hatten. Als Austauschstudent der FU Berlin (Soziologie, Politologie, Publizistik) in den USA hatte Wildenhahn dort sein Studium abgebrochen und in London einen Dokumentarfilm-Veteranen, Richard Leacock („Happy Mother’s Day“), kennengelernt. Der prägte ihn wie ähnlich die beiden US-Amerikaner Don Allan Pennbaker und Albert Maysles („Direct Cinema“). Ende der fünfziger Jahre war die bewegliche Kamera einsatzbereit, die den Dokumentarismus radikal veränderte. Die Filme wurden schneller und spontaner, was bei Wildenhahn nicht hieß, dass sie ohne eine seriöse Recherche und lange Anwesenheit „vor Ort“ möglich gewesen wären. Eine Rolle dabei spielte Henry David Thoreaus Buch „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“. Anregungen hat sich Wildenhahn auch bei dem Schriftsteller Martin Walser (damals noch ein Linker), dem Psychoanalytiker Erik H. Erikson und dem Autor Günter Wallraff geholt.

Wildenhahn war politisch ein Linker, woraus er nie einen Hehl machte, benahm sich aber nie dogmatisch oder fanatisch, was ihn so einflussreich machte und seine Filme so wirksam. Entwickeln konnte er sich beim NDR, also im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Von 1960 bis 1964 war er Realisator bei „Panorama“. Damals machte er schon Filme oder „Beiträge“, die zu politischen Kontroversen führten. Manches von Wildenhahn wurde zwar gedreht, aber hinterher nicht gezeigt. Seine Vorgesetzten, die ihn deckten, waren etwa Egon Monk, Gert von Paczensky und Rüdiger Proske. Bald arbeitete Wildenhahn regelmäßig mit seiner Kamerafrau Gisela Tuchtenhagen zusammen, die seine Frau wurde. Zu seinem „Kreis“ damals gehörten auch Thomas Mitscherlich und Hans Helmut Prinzler.

Ausgewählte Filme von Klaus Wildenhahn: „Der merkwürdige Tod des Herrn Hammarskjöld“ (1961)/ „Zwischen drei und sieben Uhr morgens“ (1964)/ „Bayreuther Proben“ (1965)/ „John Cage“ (1966)/ „Heiligabend auf St. Pauli“ (1968)/ „Die Liebe zum Land“ (1974)/ „Emden geht nach USA“ (1975/76), wir hatten Protagonisten daraus bei uns im Göttinger Seminar./ „Was tun Pina Bausch und ihre Tänzer in Wuppertal?“ (1982)/ „Ein Film für Bossack und Leacock“ (1984)/ „Stillegung“ (1987)/ „Eine Reise nach Mostar“ (1995). Im Anschluss an den Vierteiler „Emden geht nach USA“ (1975/76) gelang Klaus Wildenhahn mit „Im Norden das Meer, im Westen der Fluss, im Süden das Moor, im Osten Vorurteile. Annäherungen an eine norddeutsche Provinz“ (1976) ein wunderbarer poetischer Film über Ostfriesland.

„Das Kriterium für Wahrheit und Würde des Dokumentarfilms liegt Wildenhahn zufolge in einer besonderen Nähe des Filmenden zum Gefilmten. Sie ist nicht in erster Linie ästhetisch definiert, sondern moralisch und politisch. Die Tugend des Dokumentarfilmers zeigt sich in der behutsamen, gespannten und geduldigen Beobachtung von sozialen Prozessen und Menschen, die in der politischen und kulturellen Öffentlichkeit gewöhnlich nicht repräsentiert sind. Die Tugenden des Dokumentarfilm-Handwerks sind demnach: Langzeitbeobachtung, möglichst unauffälliges, der ‚Erzählung‘ des Protagonisten sich anpassendes Filmen, lange Kameraeinstellungen, selbstlose (wie) vom Rohmaterial selbst hervorgebrachte Montage, Eliminierung oder Minimalisierung der Kommentarebene, keine synthetischen, zwischen Zuschauer und ‚Erzähler‘ sich drängenden ’synthetischen‘ Filmelemente.“

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