2077: „Schlüsselroman“ – entschlüsselt

Erschienen ist

Johannes Franzen: „Indiskrete Fiktionen“. Theorie und Praxis des Schlüsselromans 1960 bis 2015. Göttingen (Wallstein) 2018, 456 S.; 19,90 Euro.

Darüber schreibt Oliver Jungen (FAZ 21.7.18):

„Der Schlüsselroman, diese ob ihrer vermeintlichen Kolportagenähe von der Literaturkritik nach Kräften denunzierte Gattung, welche der Germanist Johannes Franzen hier auch allenfalls maßvoll rehabilitiert, ist selbst die ewig verführerische, ewig hinterlistige, ewig junge Geliebte des Feuilletons. Der evaluative Widerspruch, der dabei deutlich wird, wurzelt tief in der Doppelseelenbrust der Kulturberichterstattung, die sich seit den sechziger Jahren nicht mehr nur als bewahrend hochkulturell, sondern auch als intellektuell subversiv und unterhaltend frech versteht: ‚Einerseits wird über die entsprechenden Ergebnisse ausgiebig berichtet, andererseits werden die Texte ästhetisch und ethisch abgewertet und die entstehenden Skandale als Zeichen eines kulturellen Niedergangs gedeutet.'“

„Eines haben Schlüsselromane, die nicht nur für, sondern häufig auch von Feuilletonisten geschrieben werden, jedenfalls durchaus verdient: ernst genommen zu werden in literaturtheoretischer Hinsicht.“

„Das beinhaltet nicht nur Detailanalysen zu Wertungen, Opfer-Topoi und Verteidigungsstrategien, die an einer Vielzahl von Beispielfällen von

Klaus Rainer Röhls „Die Genossin“ über

Hellmuth Karaseks „Das Magazin“,

Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ bis zu

Maxim Billers „Esra“

durchgeführt werden (Martin Walser, der Rekordhalter, ist übrigens mit gleich vier Schlüsselromanen präsent), …“

„Demnach handelt es sich um einen Schlüsselroman, wenn ein Text (zuallermeist in Prosaform) mit Absicht verschlüsselt wurde und den Lesern etwa durch die Namengebung Hinweise zur Dechiffrierung mitgeliefert werden. Voyeurismus gilt übrigens nicht als Gattungsmerkmal, dafür aber das wortreiche Bestreiten der Intention.“

„Schon die vage Vermutung einer Verschlüsselung hat einen starken Einfluss auf die Rezeption, wie der Autor am Beispiel von Martina Zöllners Debütroman ‚Bleibtreu‘ nachweist: kaum war die These der Verarbeitung einer Affäre mit (wieder!) Martin Walser in der Welt, war eine objektive Rezeption kaum mehr möglich.“

„Hatte Saul Bellow beispielsweise das Recht, in dem leicht zu dechiffrierenden Schlüsselroman ‚Ravelstein‘ posthum die Homosexualität des befreundeten Philosophen Allan Bloom bekanntzumachen?“

„…, denn dieselbe moralische Skepsis schlägt auch Autoren entgegen, die gleich mit offenem Visier Autobiografisches verhandeln wie Max Frisch in ‚Montauk‘.“

„Geradezu idealtypisch zeigt sich das an den aufeinander bezogenen Schlüsselromanen von Wolfgang Hilbig (‚Das Provisorium‘) und Natascha Wodin (‚Nachtgeschwister‘): Die so ihren Beziehungsstreit schonungslos verarbeitenden Autoren haben damit gewissermaßen doch partnerschaftlich eine verrufene Form in große Kunst verwandelt.“

 

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