2068: Stefan George 150 – der „Meister“ des „geheimen Deutschland“

Der Lyriker Stefan George (1868-1933) („Komm in den totgesagten park und schau;“, „Die grauen buchen sich die hände reichen“, „Ich bin der bogen, bin der bolz“) wird in der Literaturwissenschaft häufig geschätzt und von der Kritik gelobt (Gustav Seibt, SZ 12.7.18; Jens Bisky, SZ 12.7.18; Steffen Martus, SZ 12.7.18; Volker Breidecker, SZ 12.7.18). Manchmal wird er in einem Atemzug mit Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) und Rainer Maria Rilke (1875-1926) genannt, also mit Größen der deutschen Lyrik. In der „Welt“ feierte Tilman Krause 2012 noch den „Geist der Freundschaft und der Vermittlung spiritueller Werte“, der im „Kreise Stefan Georges“ geherrscht habe. Und nicht zuletzt war es die Tatsache, dass der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944, Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944), genau wie sein Bruder Berthold zum Kreis um den „Meister“ George (dem „geheimen Deutschland“) gehört hatte. Da erschien es so, als habe Georges Ideologie den Widerstandsgeist befördert. Das stimmt wohl nicht.

Der in Bingen geborene George führte das Leben eines Außenseiters, ungesichert, ohne Brotberuf, ohne festen Wohnsitz, viel auf Reisen. Er war ein Gegner der demokratischen Moderne. Er hat die Massen verworfen, die Geschäfte und die Geschäftigkeit, die großen Städte und die Presse, die Zerstreuung, den Fortschritt. Typisch für seinen Kreis war das „Raunen“, das kunstvoll gefeiert wurde, unklare Aussagen, die tatsächlich vieles offen ließen. Einer der Gründe dafür war anscheinend der § 175 StGB, der den Homosexuellen Stefan George und die Schwulen in seinem Kreis permanent bedrohte.

Der Direktor des Literaturarchivs in Marbach, Ulrich Raulff, geb. 1950, der 2009 bei C.H. Beck das Buch „Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben“ herausbrachte, sagt:

„Es gibt gute Gründe zu der Annahme, dass Stefan George ein praktizierender Homosexueller und Päderast war.“

„Anfang der dreißiger Jahre war er ein alter Schwuler mit schweren gesundheitlichen Problemen und Angst vor der Einsamkeit. Er fand die Nazis zum Kotzen, ordinär, weit unter seiner Spielklasse, aber seine Jungs drohten überzulaufen oder waren es bereits, weshalb er viel mehr tolerierte, als ihm selber geheuer war. Vieles von dem Geheimnis, mit dem er sich umgab, diente der Tarnung vor dem Paragraphen 175.“ Es ging um die Verheimlichung eines kriminellen Systems.

Dies wurde virulent, als 2010 die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule (der Hochburg der Reformpädagogik) bekannt wurden, wo zwischen 1960 und 1990 mehr als hundert Kinder, meistens Jungen, zum Opfer wurden. Täter waren der Schulleiter Gerold Becker und 15 weitere Lehrer. An der Schule herrschte der „pädagogische Eros“ Stefan Georgeschen Geistes. So wie Stefan George und seine Jünger die Jungs, die ihnen gefielen, in Heidelberg auf der Straße angesprochen hatten oder zur Fahndung nach „Süßschaften“ auch an die Odenwaldschule gegangen waren.

Der Autor der wichtigsten George-Biografie („Stefan George. Die Entdeckung des Charisma“ 2007), Thomas Karlauf, geb. 1955, sagte 2010 in der FAS: „Wenn Sie George als denjenigen identifizieren, der das Urbild Meister-Schüler-Beziehung im 20. Jahrhundert neu etabliert hat, inklusive sexueller Handlungen, dann ist Ihre Vermutung richtig. Es handelt sich durchaus um eine Ableitung, die für die einzelnen Opfer schreckliche Folgen gehabt hat. Einem solchen Opfer sollte man heute keine George-Gedichte mehr vorlesen.“

Thomas Karlauf hatte nach dem Abitur 1974 zehn Jahre in dem vom Deutschen Wolfgang Frommel betriebenen George-Kreis „Castrum Peregrini“ in Amsterdam gelebt, wo die gleiche Geheimnistuerei und Verschwiegenheit herrschte wie in Georges (gestorben 1933) Kreisen selbst. Dieser Bund diente dem Geist Georges, obwohl Wolfgang Frommel Stefan George nie kennengelernt hatte (was wiederum verschwiegen wurde). Karlauf verglich die Ablösung von diesem Kreis mit dem Ausstieg aus einer Sekte. Es habe dort viele gegeben, die damit nicht zurande gekommen seien. Das waren die „Verschollenen und Gescheiterten“, über die man wenig wisse. Wolfgang Frommel war ein Schwuler, der aber auch mit Frauen schlief, wie jetzt bekannt geworden ist (durch Christiane Kuby).

In seinem Kreis in Amsterdam ist es nachgewiesenermaßen zu sexuellem Missbrauch wieder überwiegend von Jungen (bzw. jungen Männern) gekommen. Das berichtet Nanne Dekking, dessen Mann, Frank Ligtvoet, ebenfalls seit 1974 im „Castrum Peregrini“ lebte. Die beiden Männer hatten sich verliebt, weshalb auch Dekking in das Haus in Amsterdam zog. „Ich musste mit meinem Erzieher also Gedichte lesen, aber es ging überhaupt nicht um Gedichte. Er fing sofort an, mich anzufassen und mir zu sagen, wie unglaublich ich sei. Er war wie besessen davon, an sein Ziel zu kommen. Als ich initiiert wurde, war ich 22, da hatten wir Sex. Und ich frage mich bis heute, warum ich ihn nicht rausgeschmissen oder ihm in die Eier getreten habe. Habe ich nicht. Ich ließ es geschehen. Von dem Moment an war klar, dass ich da nicht mehr mitmachen wollte.“

Thomas Karlauf hat beschrieben, dass der George-Band „Stern des Bundes“ zentral für das System Frommel war. Das „war der ungeheuerliche Versuch, die Päderastie mit pädagogischem Eifer zur höchsten geistigen Daseinsform zu erklären.“ Initiiert wurden im Kreise Wolfgang Frommels auch nicht-homosexuelle junge Männer. „Ich stand auf Mädchen und wollte das nicht, andererseits wollte ich dazugehören und dachte, wenn mein Vater das will, dann sollte ich es tun.“ Eltern als Mitwisser kamen in diesem System häufig vor. Eine besonders verachtungswürdige Tatsache. Thomas Karlauf schreibt dazu: „Missbrauch ist die eine Viertelstunde in Ihrem Leben, in der sie entscheiden müssen, ob sie dazugehören wollen oder nicht, ob Sie gehen oder ob Sie bleiben. Und in der Sie auf Grund des Machtgefälles nicht in der Lage sind, eigenverantwortlich zu handeln.“

Als Stefan George 1923 Claus und Berthold von Stauffenberg kennenlernte, war die zunächst besorgte Mutter nach Heidelberg gefahren und hatte lange mit ihm gesprochen. „George muss auf die Gräfin einen solchen Eindruck gemacht haben, dass sie sich sagte: Wenn meine Jungs mit diesem Mann Umgang haben, ist das eine gute Sache.“

(Julia Encke, FAS 13.5.18; Alexander Cammann; Die Zeit 17.5.18; Adam Soboczynski; Die Zeit 17.5.18; Mara Delius, Interview mit Melchior Frommel, Literarische Welt 19.5.18; Thomas Karlauf, Die Zeit 12.7.18)

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