Der israelische Schriftsteller David Grossmann („Eine Frau flieht vor einer Nachricht“), geb. 1954, ist in diesem Jahr „Writer in Residence“ beim Literaturfestival Potsdam. Julia Encke hat ihn für die FAS (24.6.18) und Thorsten Schmitz für die SZ (23./24.6.18) interviewt. Ich gebe gekürzt Auszüge aus dem letzten Interview wieder:
SZ: Im Hebräischen gibt es den Begriff (…) die Lage. Wenn man sich in Israel begrüßt, fragt man gerne: (…) wie ist die Lage? Wie ist sie denn?
Grossmann: Ohne zu krasse Wörter zu verwenden, die Lage ist gar nicht gut. Eigentlich müsste sie sehr gut sein. Wer Israel besucht, sieht ein modernes Land, überall neue Autobahnen, eine Skyline in Tel Aviv voller Hochhäuser, neue Stadtteile werden aus dem Boden gestampft, die Hightech-Industrie blüht. Man sollte meinen, wie lebten in einem Paradies. Aber seit 51 Jahren herrschen wir über das Volk der Palästinenser. Das ist eine Katastrophe für sie wie für uns. Der Nachhall der Zahl macht mich verrückt. Es ist unfassbar, dass Israel seit 51 Jahren ein Volk besetzt. Das Schöne, das ich eben gezeichnet habe, ist eine Illusion.
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SZ: Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas wirken nicht, als seien sie an einem Frieden interessiert. Sie reden ja noch nicht einmal miteinander.
Grossmann: Netanjahu ist sehr klug, aber leider besitzt er keine einzige Vision. Ich kann mich nicht erinnern, dass er in den letzten zwanzig Jahren auch nur einen Satz ausgesprochen hätte, der eine Vision enthielt, wie Frieden aussehen könnte. Netanjahu spielt mit den Ängsten der Menschen, und er spielt dieses Spiel mit großer Perfektion. Bald ist Netanjahu länger Premierminister als es unser Staatsgründer David Ben Gurion war, und wenn ich mir anschaue, was Ben Gurion geschaffen hat und was Netanjahu, kann ich nur in tiefe Depression verfallen.
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SZ: Auf einer alternativen 70 Jahr-Feier in Tel Aviv haben sie gesagt: Israel ist noch nicht zu Hause angekommen. Was haben Sie damit gemeint?
Grossmann: Israel wird zusehends zu einer Trutzburg, es ist immer weniger ein gemütliches Zuhause. Ich möchte aber nicht in einer Trutzburg leben. Die gigantische Kraft unserer Armee könnte unser Leben verbessern helfen, stattdessen wird die Armee dazu missbraucht, ein Besatzungsregime aufrecht zu halten.
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SZ: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat womöglich genau das geleitet, Empathie mit den Flüchtlingen. Jetzt droht ihre Regierung darüber zu stürzen.
Grossmann: Es mag in deutschen Ohren nicht sehr populär klingen, aber ich bewundere Merkel sehr dafür, was sie getan hat. Ich weiß, dass mit den vielen Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, auch Antisemitismus und Gewalt zugenommen haben. Aber Merkels Entscheidung, die Grenzen nicht zu schließen, ist die einzig richtige.