1855: Gomringer-Gedicht muss weg.

2011 hatte die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin dem inzwischen 93-jährigen Lyriker Eugen Gomringer ihren Poetik-Preis verliehen. Gomringer ist einer der bekanntesten Vertreter der konkreten Poesie. Er schenkte der Hochschule sein 1950 entstandenes, auf Spanisch geschriebenes  Gedicht „Avenidas“ (Alleen) für ihre Außenwand. Es geht auf Deutsch so:

„Alleen/Alleen und Blumen//Blumen/Blumen und Frauen//Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer.“

Daraufhin entbrannte ein Streit über den sexistischen Gehalt des Gedichts. Seine Entfernung wurde ebenso vehement gefordert wie sein Erhalt an der Hochschul-Fassade. Nun hat der Senat der Hochschule entschieden, dass das Gomringer-Gedicht im Herbst 2018 von einem Gedicht Barbara Köhlers, der Preisträgerin 2017, ersetzt wird. Danach soll gelten, dass die Fassade alle fünf Jahre neu mit einem Werk des jeweiligen Preisträgers gestaltet wird. Zur Begründung heißt es, es sei um die „Möglichkeit“ gegangen, dieses „Muss-bleiben-oder-muss-weg-Dilemma in eine Richtung zu wenden, die jenseits der Konfrontation produktiv werden kann.“

Für Lothar Müller (SZ 24.1.18) klingt das „salomonisch“. „Aber es hat etwas Wohlfeiles, es ersetzt die Attacke auf das Gedicht, gegen die sich ästhetisch oder politisch argumentieren ließ, durch ein neues Regelwerk, in dem das anstößige Gedicht gewissermaßen aus Routine verschwindet, ohne dass von seiner Anstößigkeit noch groß die Rede ist.“

Es bleibe ein „schaler Nachgeschmack“.

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