Philip Roth (geb. 1933) ist für mich der größte Romanschriftsteller unserer Zeit. Mit „Verschwörung gegen Amerika“ (2005) und „Amerikanisches Idyll“ (1998) hatte er sich auch als Analytiker der US-Gesellschaft erwiesen, der bei den US-Amerikanern die
„Ekstase der Scheinheiligkeit“
festgestellt hatte. Im „Idyll“ erwies er sich als Kenner der Sportarten Football, Basketball und Baseball. Er schildert dort u.a. den „Schweden“, den jüdischen Sportler Seymour Irving Levoy.
Gekommen war ich auf Roth im Studium durch „Portnoys Beschwerden“ (1970). Seinerzeit war ich mir gar nicht sicher, ob solch ein Stoff sich überhaupt für seriöse Literatur eignete. Es geht darin um den Monolog des Psychotherapiepatienten Alexander Portnoy und seine sexuellen Obsessionen. Das Buch rief großes Entzücken und schärfste Kritik hervor. Insbesondere jüdische Kritiker warfen Roth antijüdische Stereotype, jüdischen Selbsthass und Antisemitismus vor. Der Roman wurde als autobiografische Enthüllung verstanden. Und noch heute wird der Autor mit dieser Publikation identifiziert. Philip Roth hatte in den frühen Sechzigern eine Psychoanalyse bei dem New Yorker Psychiater Hans J. Kleinschmidt absolviert. Dieser veröffentlichte die Fallgeschichte 1967 anonymisiert in einer medizinischen Fachzeitschrift unter dem Titel „The Angry Act: The Role of Aggression in Creativity“.
Es trifft zu, dass Roths Schreiben stark autobiografisch fundiert ist. Daraus gewinnt es seine Schärfe und Authentizität. Häufig geht es um jüdische Selbstvergewisserung in den USA. „Philip Roth schreibt immer über Philip Roth.“ In späteren Romanen taucht mehrfach Roths Alter Ego
Nathan Zuckerman
auf. Saul Bellow hat Roth zum ersten Mal 2000 für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Aber dafür eignet sich dieser große Schriftsteller wohl nicht. Das ist stehende Formel im internationalen Feuilleton. Ulrich Greiner brachte die Ablehnung Roths durch das Nobelpreiskomitee auf die Formel:
„Die Schweden .. lieben Autoren, die etwas zur Verbesserung der Welt beitragen. Philip Roth trägt nur etwas zur Erkenntnis bei.“
Hingerissen war ich von „Sabbaths Theater“ (1995), wo es um den ehemaligen Puppenspieler Mickey Sabbath geht. Er spielt mit den Menschen, zumeist mit den Frauen, wie einst mit seinen Marionetten. Er erkennt die Sinnlosigkeit des Lebens. Seine tote Mutter erscheint als Geist und rät ihm zum Selbstmord als passenden Abschluss für ein verpfuschtes Leben. Philip Roth wechselt in seinen Büchern virtuos zwischen „Die Tatsachen“ (1988), „Mein Leben als Mann“ (1990) und „Täuschung“ (1993). Er ändert seine Perspektiven.
Sehr bekannt geworden ist in Deutschland „Der menschliche Makel“ (2002). Darin lebt der renommierte Literaturprofessor Coleman Silk jahrzehntelang in der Maske eines Juden, obwohl er afrikanisch-stämmig ist. Des Rassismus bezichtigt und von der Universität entfernt wird er, als er zwei schwarze Studentinnen, die im Seminar häufig fehlen, als „Spooks“ bezeichnet hat. 2010 hat sich Philip Roth vom Schreiben zurückgezogen, dies gab er 2012 bekannt. Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhundert sind noch die sehr lesenswerten Kurzromane „Exit Ghost“ (2007), „Empörung“ (2008), „Die Demütigung“ (2009) und „Nemesis“ (2010) erschienen.
Es könnte sich lohnen, mehr über Philip Roth nachzudenken und zu schreiben. Aber ich will Sie nicht langweilen. Im ganzen letzten Jahr habe ich auf einen Kommentar Roths zu Donald Trump gewartet. Nun ist er erschienen. In einem Interview mit Charles McGrath, das per E-mail geführt worden ist (SZ 22.1.18). Dort sagt Philip Roth:
„Niemand, den ich kenne, hat ein Amerika vorausgesehen wie das, in dem wir heute leben. Niemand (außer vielleicht H.L. Mencken, der die amerikanische Demokratie bekanntermaßen als
‚die Anbetung von Schakalen durch Esel‘
bezeichnete) hätte sich vorstellen können, dass die Katastrophe des 21. Jahrhunderts, die entwürdigendste Katastrophe der USA, nicht in der schrecklichen Gestalt eines orwellianischen großen Bruders auftreten würde, sondern in der beängstigend lächerlichen Commedia-dell‘-Arte-Figur des prahlerischen Buffons. Wie naiv war ich, 1960 zu denken, dass ich ein Amerikaner bin, der in absurden Zeiten lebt! Wie drollig! Andererseits – was konnte ich 1960 schon wissen über 1963 oder 1968 oder 1974 oder 2001 oder 2016?“