1845: DIW: Die Familie dominiert.

Gert Wagner war seit 1989 Direktor des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), das am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) organisiert wird. Gebraucht werden viele Befragte, damit auch über kleine soziale Gruppen belastbare Aussagen getroffen werden können. 1984 waren das 12 500 Erwachsene, heute sind es mehr als 30 0o0. Patrick Bernau hat Wagner nach seinen zentralen Erkenntnissen befragt (FAS 14.1.18).

FAS: Gerade die Wahlen geben uns ein Rätsel auf: Wenn die Deutschen so zufrieden sind, warum bekommt die AfD dann so viele Stimmen?

Wagner: Es gab schon immer einen Anteil von 20 Prozent Unzufriedenen. Heute gibt es mit der AfD eine in den Augen vieler Menschen legitime Plattform, das auf dem Wahlzettel auszudrücken.

FAS: Die SPD hat inzwischen in allen Milieus nur noch rund 20 Prozent, auch bei den Armen. Warum hat Martin Schulz‘ Gerechtigkeitswahlkampf nicht gezogen?

Wagner: Gerechtigkeit ist ein schwieriges Wort. Als ich Kind war, hieß es immer: „Gerechtigkeit gibt es nicht auf dieser Welt.“ Martin Schulz hat sich trotzdem gedacht, dass man mit diesem Begriff viele Wähler gewinnen kann. Aber wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, will man wissen, wie er tatsächlich für Gerechtigkeit sorgen will.

Da hat er nicht nachgelegt.

Es wäre dann auch kontrovers geworden. Schließlich gibt es Leute, die die

Leistungsgerechtigkeit

in den Vordergrund schieben und die Steuern senken wollen – und andere, die die

Bedarfsgerechtigkeit

besonders wichtig finden und die Hartz-IV-Sätze erhöhen wollen. Keine Partei kann all diese Vorstellungen gleichzeitig erfüllen.

FAS: Wie wäre es mit Chancengerechtigkeit? Gleiche Chancen für alle, kann man sich nicht darauf einigen?

Wagner: Das halten auf den ersten Blick alle für gut, Ökonomen ganz besonders. Aber Chancengerechtigkeit ist politisch leider kein Gewinnerthema. Wenn Mittelschichtseltern „Chancengerchtigkeit“ hören, dann verstehen sie: Die Konkurrenz für unsere Kinder wird größer. Vor dem Abstieg der Kinder hat die obere Hälfte der Bevölkerung besonders Angst. Das kann man leicht daran erkennen, wie der Anteil von Schülern an Privatschulen gestiegen ist.

FAS: Lassen Sie uns über Werte sprechen. Wissen Sie denn, ob die Werte der Deutschen so verfallen, wie es oft heißt?

Wagner: Nein. Heute dominiert in Deutschland der gleiche Wert wie in den 50er Jahren und zuvor: die Familie.

FAS: Auch wenn nach Scheidungen Eltern von ihren Kindern getrennt leben, wenn Homosexuelle heiraten dürfen und Kinder großziehen?

Wagner: Es gibt neue Verhaltensweisen, aber die Familie bleibt zentral. Gerade das Beispiel, wenn zwei Männer ein Kind großziehen, das zeigt ja, wie wichtig ihnen Familie ist.

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