Götz Aly,
der als Historiker seit eh und je eine Außenseiter-Position eingenommen hat, führt uns, der ganzen deutschen Öffentlichkeit und insbesondere der Historikerzunft wieder einmal vor Augen, welches Versagen es in Deutschland bezogen auf die wissenschaftliche Bearbeitung des Holocaust gegeben hat (SZ 18.10.17). Man reibt sich die Augen.
Aly führt am Beispiel des US-amerikanischen Historikers
Raul Hilberg (1926-2017)
vor, wie dessen bahnbrechendes wissenschaftliches Buch „Die Vernichtung der europäischen Juden“, das in den USA 1961 erschien, in Deutschland erst 1982 publiziert werden konnte. Und zwar in dem West-Berliner Kleinstverlag Olle & Wolter. Seit 1982 gilt Hilbergs Werk auch in Deutschland als die zentrale Grundlage der historischen, auf Quellen basierten Holocaust-Forschung.
Hilberg war mit seinen Eltern 1939 über Frankreich und Kuba in die USA geflohen. 1945 kam er als Infanterist nach Deutschland zurück. Weil er Deutsch konnte, wurde er früh eingesetzt, um Regierungsdokumente für Kriegsverbrecherprozesse zu begutachten. In den USA wurde er später als Student von den linken Historikern Hans Rosenberg und Franz Neumann („Behemoth“) gefördert. Auf solchen lebensgeschichtlichen Grundlagen entstand sein heute weltberühmtes Werk „The Destruction of the European Jews“. Die erste Fassung war
1955
fertig. „Ohne ein einziges moralisierendes Adjektiv und streng systematisch aufgebaut, enthielt sich Hilberg jeder Reduktion auf Hitler oder die SS-Schergen, die Bourgeoisie oder den Kapitalismus.“
Eberhard Jäckel
besuchte ihn in den USA und lud ihn nach Deutschland ein.
1964 gutachtete das Institut, das 1949 geschaffen worden war, um die NS-Zeit zu erforschen, das Münchener Institut für Zeitgeschichte (IfZ), über Hilbergs Buch. René Schlott fand dieses Dokument vor zwei Jahren. Erstens seien die wesentlichen Fakten über die Endlösung dem deutschen Publikum vertraut. Und zweitens verwies das IfZ auf bald erscheinende deutsche Arbeiten. 1964! Daraufhin kündigte der Droemer Knaur Verlag den 1963 mit Hilberg geschlossenen Lizenzvertrag. Offiziell wurde behauptet, das Buch könne wegen der Passagen über die Judenräte von Böswilligen missbraucht werden. 1967 schlug ein Freund Hilbergs dem Rowohlt Verlag eine Übersetzung vor. Verlagschef Fritz J. Raddatz lehnte mit der Begründung ab, der Verlag sei mit Aktuellem belastet. Ob
rechts oder links,
die deutschen Verlage lehnten ab. Aber immer mit dem gemeinsamen Motiv der
Vergangenheitsflucht.
Im Januar 1979 zeigten die Dritten Programme der ARD Marvin Chomskys Seifenoper „Holocaust“. Daraufhin erwog der C.H. Beck Verlag, Hilberg ins Programm zu nehmen. Für das entsprechende Gutachten wählte IfZ-Direktor
Martin Broszat
eine Mitarbeiterin aus. Der stellvertretende IfZ-Direktor Horst Möller schrieb an den Verlag: „Die Frage, ob heute eine deutsche Übersetzung der englischen Originalausgabe von 1961 zu empfeheln wäre, sollte m.E. – trotz ‚Holocaust‘ – mit ’nein‘ beantwortet werden.“
So erschien die Übersetzung bei Olle & Wolter. „Die Auflage von 4 000 Stück wurde per Subskription und zum Ladenpreis von 128 Mark komplett verkauft.“ Die einzige angemessene Rezension erschien in der „taz“. Der Autor Urs Müller-Plantenberg stellte darauf ab, dass es wohl „die Angst vor der ganzen Wahrheit“ gewesen war, die es verhindert hatte, dass eine Übersetzung in Deutschland erschien. Bis 1990 rezensierten die deutschen historischen Fachzeitschriften Hilbergs Werk nicht. 1990 erschien eine erweiterte, dreibändige Ausgabe im Fischer Taschenbuch Verlag. Vorangetrieben hatten diese
Jörg Friedrich, Eberhard Jäckel und Walter Pehle.
Tatsächlich befindet sich in der Bibliothek des IfZ ein Exemplar von Hilbergs Buch, das eindeutig für eine interne Übersetzung vorbereitet worden war. Und Hilbergs Erkenntnisse wurden vom IfZ benutzt. „Für die Gutachtenarbeit des Instituts für Zeitgeschichte hat sich Hilbergs Buch bereits als wertvoll erwiesen, da es in manchen Punkten neue Ergebnisse, vor allem neue Einzelheiten enthält.“
Auf der 1984 von Eberhard Jäckel veranstalteten ersten deutschen Konferenz über den Holocaust beklagte der IfZ-Direktor Martin Broszat, dass die jüdischen Kollegen in die Debatte eine Leidenschaftlichkeit hineinbrächten, die „wesentlich außerwissenschaftliche Gründe“ habe. Tatsächlich? In einem Brief an Saul Friedländer 1987 unterstellte er das Gleiche mit anderen Worten. Neben Friedländer waren mit den jüdischen Historikern gemeint
H.G. Adler, Joseph Wulf und Raul Hilberg.
„Ich erkläre mir dieses Verhalten … als Verteidigung des eigenen wissenschaftlichen Stammesgebiets und der Deutungshoheit gegen bessere, als Konkurrenten wahrgenommene Kollegen. … Zum anderen halte ich einen zweiten außerwissenschaftlichen Grund für wichtig. Wie die meisten Angehörigen der vom Nationalsozialismus geprägten, in Schuld und Tabus befangenen Deutschen mystifizierten eben auch deren Historiker die Vergangenheit. Sie standen exemplarisch für den damals vorherrschenden Geisteszustand der deutschen Gesellschaft.“