1756: Ingeborg Bachmann – eine sehr kalkulierte und strategische Person ?

Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (früger „Frankfurter Rundschau“) hat ein Buch über Ingeborg Bachmann vorgelegt.

Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biographie in Bruchstücken. Frankfurt/Main (S. Fischer) 2017, 320 S., 19,99 Euro.

Darin scheint eine andere Ingeborg Bachmann zu existieren als die „heilige Ingeborg“, die in vielen Mythen aufscheint. Julia Encke und Andreas Kilb haben sie für die FAS (12.11.17) interviewt:

FAS: Sie nennen Ihr Buch eine ‚Biographie in Bruchstücken‘. Warum?

Hartwig: Eine chronologisch geordnete Biographie hätte mich nicht interessiert. Aber es musste am Ende auch so sein, weil ein entscheidendes Kapitel, das mit Max Frisch, ungeschrieben geblieben ist. Es ist mir leider nicht gelungen, den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch einzusehen. Wir warten ja alle sehnsüchtig darauf, dass er publiziert wird. Also kann man zu dieser großen Geschichte nur bedingt etwas sagen. …

FAS: Wissen Sie, wie der Vater auf „Malina“ reagiert hat?

Hartwig: Nein. Wie so viele andere Familien hat auch die Bachmann-Familie über den Nationalsozialismus offenbar nicht gesprochen. Die NSDAP-Mitgliedschaft des Vaters seit 1932 ist erst am Ende der neunziger Jahre von Hans Höller herausgefunden worden.

FAS: Viele feministische Bachmann-Biographen sehen in der Schriftstellerin ein klassisches Opfer des Patriarchats. Dem scheinen Sie in Ihrem Buch vehement zu widersprechen.

Hartwig: Die ganze Opferproblematik ist nicht mein Ansatz – auch wenn sie hier und da zum Opfer geworden sein mag. Insgesamt halte ich Ingeborg Bachmann für eine sehr kalkulierte und strategische Person, die in entscheidenden Phasen ihres Lebens genau wusste, was sie wollte, und sehr viel gewagt hat. Sie hat eine zupackende, man könnte fast sagen: männliche Art gehabt, nicht nur in der Karriereplanung, sondern zum Teil auch in ihrem Verhältnis zu Männern.

FAS: Die heilige Ingeborg wäre damit ein Mythos von gestern.

Hartwig: Die heilige Ingeborg meint das Opfer, das sich mit anderen Opfern identifiziert. Wohingegen ich so weit gehen würde, zu sagen, dass ihre Identifikation mit Paul Celan fast an Anmaßung grenzte. Man kann nicht als Tochter eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten und NSDAP-Mitglieds mit dem eigenen Vater nicht über diese Vergangenheit sprechen – und dieses Nicht-Sprechen dadurch kompensieren, dass man sich in einen staatenlosen Juden aus Czernowitz einfühlt, der beide Eltern im Holocaust verloren hat und selbst in einem rumänischen Arbeitslager war. Aber das entsprach damals dem Zeitgeist, so wurde vieles kompensiert. …

FAS: Der letzte Satz des Romans „Malina“ lautet: „Es war Mord.“

Hartwig: Dieser Satz bleibt natürlich ein ganz schreckliches Rätsel. Sie nimmt in „Malina“ die Verbrennungsmetaphorik vorweg. Wie kann das sein? Man darf nicht vergessen, dass sie sich selber mythisiert hat und in „Malina“ eben auch ihren eigenen Tod, was ihr von der Literaturkritik vorgeworfen wurde. Marcel Reich-Ranicki hat das nicht ertragen und sich geweigert, das Buch überhaupt zu besprechen. Sie hat also auch mit der eigenen Destruktivität gespielt, ihren Todestrieb stilisiert und daraus Literatur gemacht. Man muss das nicht mögen.

FAS: Sie erzählen in einem sehr unsentimentalen Ton von Ingeborg Bachmann. Das betrifft ihre Drogensucht, aber auch ihre Liebe zum „Untergrund“, wie Sie das nennen.

Hartwig: Man weiß seit längerem, dass sie drogenabhängig war. Aber was man nicht so genau wusste, ist, dass viele ihrer Freunde es damals nicht so genau wissen wollten. Am Ende hängt ihr wahnsinnig früher Ruhm mit ihrer Gefährdung, ihrer Drogensucht und ihrer Neigung zu Grenzerfahrungen wohl zusammen.

FAS: Wieso wirkte sie so stark auf Männer?

Hartwig: Sie muss ein unglaubliches Charisma gehabt haben und eine enorme Kraft. Und sie hat wirklich viel geleistet, wenn man bedenkt, dass sie nur 47 Jahre alt geworden ist. Was sie literarisch alles probiert hat in dieser Zeit, wie viele Briefwechsel sie geführt hat, das ist ja noch gar nicht alles publiziert! Sie hat hart gearbeitet und getrunken und in den letzten Jahren Tabletten in rauhen Mengen genommen – und in diesem Zustand weitergeschrieben! Aber sie hat wahrscheinlich eingesehen, dass eben dies eine Überforderung für die Männer ihrer Generation bedeutete. Außer vielleicht für Celan und Henze. … Solange der Briefwechsel nicht bekannt ist, wird Max Frisch weiter als der große Bösewicht gelten.

 

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