Zwischen Ingeborg Bachmann (1926-1973) („Die gestundete Zeit“) und Paul Celan (1920-1970) („Todesfuge“) gab es eine zur Mythisierung prädestinierte Schriftstellerliebe im vergangenen Jahrhundert (vgl. hier 1160 und 1423). Beide waren die wesentlichen deutschsprachigen Dichtergestalten der Nachkriegszeit. Als sie sich 1948 in Wien kennenlernten, war Paul Celan der Jude aus Czernowitz, dessen Eltern von den Nazis ermordet worden waren. Er selbst hatte ein rumänisches Arbeitslager überlebt und war nun
„displaced person“.
Ingeborg Bachmann, die fünfeinhalb Jahre Jüngere, die Tochter eines früh in die NSDAP eingetretenen Schuldirektors aus Klagenfurt. Das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts stand „zwischen“ ihnen.
Von dieser Beziehung wusste die literarische Öffentlichkeit lange Jahre nichts. Immerhin ist ihr Briefwechsel 2008 publiziert worden:
Herzzeit. Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Mit den Briefwechseln zwischen Paul Celan und Max Frisch sowie zwischen Ingeborg Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2008, 399 Seiten.
Der Briefwechsel lässt sehr tief blicken. In eine schwierige und letztlich scheiternde Beziehung.
Nun publiziert der Literaturkritiker Helmut Böttiger, geb. 1956,
„Wir sagen uns Dunkles“. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan. München (dva) 2017, 272 Seiten.
„(Böttiger) verleiht dem Verhältnis von Bachmann und Celan, …, Transparenz, ohne die Beteiligten zu entblößen und ohne auch nur in die Nähe eines raunenden oder bedeutungsschwangeren Tons zu geraten. Er bettet die Beziehung in ihren historischen Kontext ein, entfaltet, quellengesättigt und atmosphärisch, das kulturelle Panorama der Nachkriegszeit und legt dabei die Dynamiken eines seine Kräfteverhältnisse neu auslotenden Literaturbetriebs frei, innerhalb dessen sich die beiden jungen Dichter zu etablieren versuchten, was zwangsläufig auch in ihr Verhältnis hineinspielen musste.“ (Wiebke Porombka, FAZ 7.10.17) Das Liebesgespräch unserer Protagonisten setzte sich fort bis hinein in Ingeborg Bachmanns 1971 erschienen Roman „Malina“. Die Geschichte hat ihren Platz in der Literatur.
Ein neuralgischer Punkt ist die Tagung der Gruppe 47 im Mai 1952 in Niendorf. Bachmann und Celan lesen dort, werden aber möglicherweise nicht verstanden. Bachmann versagt die Stimme. Und Celan gewinnt den Eindruck, schutzlos antisemitischen Ressentiments ausgesetzt zu sein. Walter Jens hat 1976 die Tagung in Niendorf des Antisemitismus bezichtigt. Hans-Werner Richter hatte sich dazu hinreißen lassen, Celans Vortrag mit Goebbels zu vergleichen. Bachmann flehte Richter weinend an, sich bei Celan zu entschuldigen. Eine tolle Lage im deutschen Literaturbetrieb.
Paul Celan ging 1970 in die Seine, Ingeborg Bachmann verbrannte 1973 in Rom.