Durch sein Buch „Die Schlafwandler“ (2012) über den Beginn des Ersten Weltkriegs hat sich der britische Historiker Christopher Clark, der in Cambridge lehrt, bei der Linken endgültig unbeliebt gemacht. Manchmal wird er dort gehasst. Ich habe darüber hier unter den Nummern
306, 470, 475, 599, 606 und 697
geschrieben. Die seriöseste Clark-Kritik haben 2017
Klaus Gietinger und Wilfried Wolf
in ihrem Buch „Der Seelentröster“ geliefert. Clark arbeitet auch für das ZDF. Für den Sender ist er monatelang durch ganz Europa gereist, um in seiner sechsteiligen „Europa-Saga“ (erste Folge: 22.10., 19.30 Uhr) zu erkunden, ob die Einheit Europas gefährdet ist. Dazu hat ihn Teresa Pfützner für „Die Welt“ (21.10.17) interviewt.
Welt: Heinrich Mann hat gesagt: „Das übernationale Gemeinschaftsgefühl der Europäer ist reine Erfindung der Dichter.“ Wie haben Sie das auf ihrer Reise durch den Kontinent für die „Europa Saga“ erlebt: Ist das europäische Gemeinschaftsgefühl Dichtung oder Wahrheit?
Clark: Wahrheit. Auch, wenn Wahrheiten sich oft aus der Dichtung ergeben, jedes Nationalgefühl und jede Identität sind schließlich
konstruiert.
Ein starkes europäisches Gefühl habe ich besonders bei Menschen zwischen 18 und 25 Jahren erlebt, ob in den Niederlanden, Spanien oder sogar Griechenland – ich dachte, dort wären die Menschen von der EU traumatisiert! Auch in Kiew habe ich ein positives Europabild erlebt. Für sie ist Europa aber eher ein Traumbild, ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Welt: Für die Briten war es offenbar eher ein Albtraumbild. Wie empfinden Sie den Brexit?
Clark: Ich bedaure das Ergebnis sehr, auch wenn nicht feststeht, wie der Brexit am Ende aussehen wird. Ich habe die Entscheidung, ein Referendum durchzuführen, immer für einen schrecklichen Fehler gehalten. Plebiszite werden in vielen Ländern, auch Deutschland, nicht durchgeführt oder sind nicht erlaubt. Aus gutem Grund, in der Geschichte waren Volksabstimmungen eher ein Instrument von Diktaturen als von Demokratien. Napoleon III. hat ständig Referenden durchführen lassen, und auch
Hitler
hat sie benutzt: Ob die Volksabstimmung zur Angliederung Österreichs, die Saarabstimmung im jahr 1935 oder letztendlich die Frage, ob dem Führer mehr Machtbefugnisse zugesprochen werden sollen. Nein, ich sehe in Referenden oft nicht den Willen des Volkes verwirklicht.
…
Welt: Nach dem Einzug der AfD in den Bundestag kursierten in den sozialen Medien am Wahltag Sprüche wie „Heute war der letzte Tag, an dem Deutschland behaupten konnte, aus seiner Geschichte gelernt zu haben.“ Wie bewerten Sie das?
Clark: Ich finde das intellektuell ziemlich schwach, vielleicht sogar ein bisschen dumm. Erstens ist die Tatsache, dass eine Partei wie die AfD Erfolge erzielt hat, kein ausschließlich deutsches Phänomen. Vielmehr spiegelt sich dadurch auch in Deutschland die aktuelle europäische Situation wider – aber in Deutschland ist das Phänomen des Aufstiegs nationalistischer Parteien sogar eher weniger entwickelt als in anderen Ländern. Zweitens ist die AfD eine ziemlich lose Konstellation, die mit vielen Stimmen spricht. Es gibt eine rechtsextreme Ecke in der Partei, in der nationalsozialistisches Gedankengut vorhanden ist. Das ist schrecklich! In der AfD sind aber auch Wutbürger, die wegen Themen wie Wohnungsnot in die Politik gegangen sind.
…
Welt: Welche historischen Erfahrungen sind entscheidend für unsere Identität als Europäer?
Clark: Der dreißigjährige Krieg (1618-1648) war ein gesamteuropäisches Ereignis, aus dem sich durch den Westfälischen Frieden auch erstmals eine europäische Ordnung ergeben hat. In den Nachrichtenblättern von damals gewann der Begriff von Europa immer mehr an Gewicht. Der Erste und Zweite Weltkrieg haben ein Gefühl dafür gegeben, was Europa ist. Erst dadurch, dass Europa sich selbst bekriegt hat, dann dadurch, dass man überlegt hat, wie man in Zukunft einen solchen verheerenden Krieg auf dem Kontinent verhindern kann.
…